Gleich zwei Fronten öffnen sich dieser Tage gegen Wolodymyr Selenskyj: In Kiew durchsuchen Ermittler das Präsidialamt, und auf X verbreitet Tucker Carlson ein fast anderthalbstündiges Interview mit Selenskyjs ehemaliger Pressesprecherin – ein Gespräch, das den Westen-Liebling als paranoid, korrupt und drogenaffin beschreibt. Während die ukrainischen Antikorruptionsbehörden Selenskyjs langjährigen Stabschef Andrij Jermak offiziell als Verdächtigen in einem Geldwäscheskandal eingestuft haben, wie t-online berichtet, liefert Carlsons Sendung den politischen Rahmen dazu.
Beim Korruptionsfall geht es konkret um ein Luxuswohnprojekt vor den Toren Kiews und umgerechnet 8,9 Millionen Euro – Teil der weitreichenden Operation „Midas“ der Behörden Nabu und Sapo. Jermak, bis November 2025 im Amt, wies die Vorwürfe erwartungsgemäß zurück. Die Ermittler benannten mittlerweile sechs weitere Verdächtige, darunter mutmaßlich Ex-Vizepremier Alexei Tschernyschew und den früheren Verteidigungsminister Rustem Umerow. Pikant: In veröffentlichten Abhörprotokollen taucht neben dem Namen „Andrij“ auch der Spitzname „Wowa“ auf – so nennen Selenskyjs Freunde den Präsidenten. Harte Beweise gegen Selenskyj selbst gibt es nicht, und der Nabu-Chef betonte ausdrücklich, Selenskyj sei nie Teil der Ermittlungen gewesen. Der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko fasste es trotzdem treffend zusammen: „Diese ganze Affäre ist eine Zeitbombe für Präsident Selenskyj, die vielleicht nicht jetzt, sondern erst später explodiert.“
Genau in diesem Moment erscheint Tucker Carlsons Interview mit Iuliia Mendel, die von 2019 bis 2021 Selenskyjs Pressesprecherin war. Carlson bewirbt das Gespräch auf X unter dem Titel „Corruption, drugs and greed“ – Korruption, Drogen und Gier im geheimen Innenleben von Selenskyjs Herrschaft. Mendel zeichnet ein Porträt ihres früheren Chefs als Mann, der nach außen als „Teddybär“ auftrete, innen aber als „Grizzly“ regiere: paranoid, narzisstisch, mit Wutausbrüchen und dem Hang, die Frontlinie als Strafwerkzeug gegen unliebsame Personen einzusetzen.
Was Mendel sagt – und was das bedeutet
Mendel behauptet, Selenskyj habe mehrere Friedenschancen sabotiert, auch 2022 unter westlichem Einfluss – namentlich nennt sie Boris Johnson. Westliche Länder würden den Krieg aus Eigeninteresse verlängern, während die Ukraine demografisch am Rand des Abgrunds stehe. Zur Frage nach Kokainkonsum antwortet sie ausweichend, aber nicht verneinend. Das westliche Medienschweigen zu diesen Themen sei kein Versehen, sondern System.
Am Ende des Interviews wechselt Mendel ins Russische und wendet sich unter Tränen direkt an Wladimir Putin. Als Ukrainerin aus Cherson, deren Familie unter russischen Drohnenangriffen leidet, appelliert sie an ihn, den Krieg zu stoppen. „Slawen töten Slawen“ – das sei keine Politik, das sei Wahnsinn.
Das ist der Punkt, an dem die Kritiker ansetzen: Mendel arbeitete vor ihrer Präsidialamtszeit bei pro-russisch ausgerichteten Medien. Ukrainische Stellen bezeichnen das Interview als Propagandaaktion. Befürworter sehen eine Insider-Stimme, die ausspricht, was westliche Redaktionen konsequent verschweigen.
Für Selenskyj jedenfalls ist die Gleichzeitigkeit beider Entwicklungen unangenehm: Im Inneren ermitteln unabhängige Behörden in seinem engsten Kreis, im Ausland kursiert eine fast 90-minütige Anklageschrift in Videoform – verbreitet von einem der meistgesehenen Journalisten der USA. Ob das eine Zeitbombe ist oder kontrollierter Lärm ohne Zünder, wird die Zeit zeigen.






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