Hegemonie oder Frieden: Warum Paul Craig Roberts die eigentliche Kriegsfrage stellt

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Der US-Publizist Paul Craig Roberts stellt in seinem neuen Text nicht die übliche Frage, wer gerade welchen Schlagabtausch gewinnt. Er fragt nach dem Muster dahinter: Hegemonie. Nach Roberts’ Lesart geht es bei Ukraine, Iran, Russland, Israel und der Energiepolitik nicht um isolierte Krisen, sondern um Machtordnungen, die keinen echten Ausgleich zulassen.

Das ist der Punkt, an dem seine Analyse unbequem wird. Roberts, ehemaliger Staatssekretär im US-Finanzministerium unter Ronald Reagan und später scharfer Kritiker der amerikanischen Außenpolitik, sieht Washingtons strategisches Denken seit dem Ende der Sowjetunion von der sogenannten Wolfowitz-Doktrin geprägt: Kein Staat soll stark genug werden, um die unipolare Machtstellung der USA einzuschränken. Russland, China und Iran stehen deshalb nicht zufällig im Zentrum westlicher Druckpolitik. Sie sind aus dieser Perspektive die Störer einer Weltordnung, die Washington gern als „regelbasiert“ beschreibt, aber selbst definiert.

Roberts schreibt besonders scharf über Wladimir Putin. Aus seiner Sicht habe Moskau die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines, Angriffe auf strategische Ziele und die westliche Ukraine-Politik zu lange hingenommen. Der russische Präsident wirke in Roberts’ Darstellung wie ein Staatschef, der immer noch auf Verhandlungen hofft, obwohl die Gegenseite längst auf strategische Eindämmung setze. Man muss diese Einschätzung nicht teilen, um den Kern zu sehen: Wenn eine Seite Hegemonie betreibt und die andere auf Normalisierung wartet, entsteht kein Frieden. Es entsteht Eskalationsmanagement.

Auch beim Nahen Osten zieht Roberts die Linie größer. Israel, so sein Argument, strebe regionale Hegemonie an, während Washington globale Hegemonie verfolge. Der Konflikt mit Iran sei deshalb nicht nur eine Frage von Atomprogramm, Stellvertretergruppen oder Sicherheitsinteressen. Iran steht nach dieser Deutung im Weg, weil Teheran der größte verbliebene Machtblock ist, der israelische und amerikanische Pläne in der Region begrenzen kann.

Gerade hier wird Roberts’ Text für Europa interessant. Denn Europa kommt in dieser Welt nicht als souveräner Akteur vor, sondern als Objekt. Beim Thema Nord Stream verweist Roberts auf Aussagen des russischen Außenministers Sergej Lawrow, wonach Washington Interesse daran habe, die zerstörte Pipeline zu übernehmen oder über Energieflüsse Einfluss auf Europa auszuüben. Ob dieses Szenario realistisch ist, bleibt offen. Politisch entscheidend ist aber der Gedanke dahinter: Energie ist nicht nur Ware. Energie ist Kontrolle.

Europa hat diese Lektion bitter gelernt. Erst machte es sich von billigem russischem Gas abhängig. Dann kappte der Krieg diese Achse. Danach kaufte es teures Flüssiggas, baute neue Abhängigkeiten auf und erklärte den Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit zur geopolitischen Tugend. Wenn Roberts von Hegemonie spricht, geht es also nicht nur um Panzer, Raketen und Militärbasen. Es geht auch um Pipelines, Zahlungsströme, Sanktionen, Energiepreise und die Frage, wer am Ende die Rechnung bezahlt.

Roberts’ Schwäche ist zugleich seine Stärke: Er schreibt nicht als neutraler Verwaltungsanalyst. Er schreibt als Ankläger. Das macht seine Texte angreifbar, aber auch klar. Wo viele Kommentatoren jede Krise als neues Einzelereignis behandeln, zwingt er zur Systemfrage: Was, wenn die Kriege und Konflikte nicht aus Missverständnissen entstehen, sondern aus bewusst verfolgten Hegemonieprojekten?

Diese Frage fehlt in der deutschen Debatte fast völlig. Hier wird über „Unterstützung der Ukraine“, „Israels Sicherheit“, „regelbasierte Ordnung“ und „westliche Geschlossenheit“ gesprochen. Selten wird gefragt, ob Europa dabei eigene Interessen formuliert oder nur fremde Strategien moralisch verkleidet. Noch seltener wird gefragt, ob Frieden überhaupt möglich ist, solange zentrale Akteure ihre Sicherheit nicht in Ausgleich, sondern in Vorherrschaft suchen.

Roberts endet mit einem harten Satz: Frieden verlange, dass Washington die Wolfowitz-Doktrin und Israel das Projekt regionaler Hegemonie aufgeben. Ohne solche Abkehr seien Verhandlungen bedeutungslos. Das ist zugespitzt. Aber es trifft einen wunden Punkt. Diplomatie ohne Verzicht auf Hegemonie ist oft nur die höfliche Form der Erpressung.

Für Deutschland müsste daraus eine nüchterne Frage folgen: Wollen wir weiter Zuschauer, Zahlmeister und moralischer Begleitchor einer globalen Machtpolitik bleiben — oder beginnen wir endlich, unsere eigenen Interessen zwischen Washington, Moskau, Peking, Tel Aviv und Teheran zu definieren? Wer diese Frage nicht stellt, wird auch die nächste Eskalation wieder nur kommentieren, nachdem andere sie vorbereitet haben.

Quellen: Paul Craig Roberts, ZeroHedge/Lawrow-Zitat, öffentliche Debatten zur Wolfowitz-Doktrin, deutsche Energie- und Sicherheitspolitik — 16. Mai 2026

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