Mitten in der Hitzewelle geraten Ungarn, Rumänien und Serbien gleichzeitig in eine schwere Stromkrise. Der Pegel der Donau ist auf Rekordtiefs gefallen. Kernkraftwerke bekommen zu wenig Kühlwasser, Wasserkraftwerke verlieren Leistung, während Klimaanlagen und Industrie den Verbrauch nach oben treiben. Die Frage liegt auf dem Tisch: Drohen bald auch Deutschland Strom-Lockdowns – also staatlich oder durch Netzbetreiber verordnete Verbrauchskürzungen?
Ungarns einziges Kernkraftwerk Paks liefert normalerweise rund 2.000 Megawatt und deckt fast die Hälfte der ungarischen Stromproduktion. Am Montag waren nach Angaben von Associated Press nur noch 240 Megawatt übrig. Drei der vier Reaktoren waren bereits heruntergefahren. Ob der letzte Block weiterlaufen kann, entscheidet der Wasserstand. Ein vollständiger Stillstand wäre der erste in der 44-jährigen Geschichte des Kraftwerks.
Rumänien hat im Kernkraftwerk Cernavodă einen der beiden Reaktoren abgeschaltet. Das Militär sprengte am Bala-Kanal Felsen, um mehr Wasser in den Hauptarm der Donau und damit zum Kraftwerk umzuleiten. Die Donau führt dort nur noch etwa 1.500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde – weniger als ein Drittel des üblichen Juliwertes. Die Regierung rief für den Energiesektor Alarmbereitschaft aus und fordert die Bevölkerung auf, den Verbrauch am Abend zu senken.
In Serbien arbeitet das wichtigste Wasserkraftwerk nur noch mit etwa 20 Prozent seiner Leistung. Regierungschef Djuro Macut spricht von einer „ernsten und anspruchsvollen“ Lage und bittet die Bürger, große Stromverbraucher wie Klimaanlagen möglichst wenig zu nutzen. Ungarn fordert gleichzeitig große Unternehmen auf, ihren Verbrauch zwischen 17 und 22 Uhr freiwillig zu drosseln. Der Mineralölkonzern MOL will seine Stromaufnahme um 40 Prozent senken.
Das Problem ist nicht auf drei Länder begrenzt. Das europäische Stromnetz ist eng verbunden. Wenn Ungarn, Rumänien und Serbien gleichzeitig Erzeugungsleistung verlieren, müssen sie Strom importieren oder den Verbrauch senken. Dann fehlt dieselbe Exportleistung an anderer Stelle. Gerade Deutschland verlässt sich in Zeiten schwacher eigener Erzeugung darauf, Strom auf dem europäischen Markt einkaufen zu können.
Die Bundesregierung und die Bundesnetzagentur nennen das nicht Strom-Lockdown. Die Instrumente existieren trotzdem. Bei einem Erzeugungsdefizit oder Netzengpass können Übertragungsnetzbetreiber sogenannte abschaltbare Lasten anweisen, weniger Strom zu verbrauchen. Gemeint sind vor allem große Industrieanlagen, deren Verbrauch kurzfristig reduziert oder unterbrochen werden kann.
Auch der neue Netzentwicklungsplan rechnet ausdrücklich mit einer „Flexibilisierung des Stromverbrauchs“ in der Industrie. Hinter dem freundlichen Wort steckt eine einfache Logik: Der Verbrauch soll sich künftig stärker danach richten, wann das Netz genug Strom liefern kann. Die Bundesnetzagentur baut zugleich die Sondernetzentgelte für große Abnehmer um und will Unternehmen belohnen, die ihre Produktion stärker an Netzlage und Stromangebot anpassen.
Für private Verbraucher ist ebenfalls längst eine Drosselung vorgesehen. Netzbetreiber dürfen bei einer drohenden Überlastung den Strombezug neuer Wärmepumpen, Wallboxen und anderer steuerbarer Geräte zeitweise begrenzen. Die Stromversorgung eines Haushalts wird dabei nicht vollständig abgeschaltet. Die Bundesnetzagentur selbst beschreibt einen „Brownout“ als gezielte, zeitlich begrenzte Abschaltung oder Verringerung der Versorgung in einzelnen Gebieten, um einen unkontrollierten Blackout zu verhindern. Sie hält ein solches Ereignis für sehr unwahrscheinlich.
Der Begriff Strom-Lockdown ist daher zugespitzt, aber nicht aus der Luft gegriffen. Es geht nicht um einen gleichzeitig umgelegten Hauptschalter für ganz Deutschland. Es geht um gestaffelte Eingriffe: zuerst Kraftwerke umsteuern und Reserven aktivieren, dann flexible Verbraucher drosseln, Industrieproduktion reduzieren und im äußersten Fall einzelne Gebiete zeitweise abschalten.
Dass Deutschland dafür überhaupt immer umfangreichere Pläne benötigt, war vorhersehbar. Atomkraftwerke wurden abgeschaltet, Kohlekraftwerke verlassen den Markt und neue steuerbare Kraftwerke kommen zu langsam. Gleichzeitig sollen Verkehr, Heizung und Industrie immer stärker elektrifiziert werden. Die Bundesnetzagentur hat für den Winter 2026/2027 einen Bedarf von 7.407 Megawatt Netzreserve bestätigt. Dabei handelt es sich größtenteils um Kraftwerke, die am Markt bereits stillgelegt wären, aber wegen ihrer Systemrelevanz nicht endgültig verschwinden dürfen.
Europa wusste außerdem seit Jahren, dass Hitze und Dürre mehrere Erzeugungsarten gleichzeitig treffen können. Flüsse führen weniger Kühlwasser für Kern- und Kohlekraftwerke, Wasserkraft fällt aus, der Strombedarf für Kühlung steigt und bei einer Hitzeflaute liefern auch Windräder wenig. F-News hatte bereits im Juni dokumentiert, wie eine Hitzeflaute den deutschen Strompreis zeitweise auf 933 Euro je Megawattstunde trieb.
Statt zuerst ausreichend gesicherte Leistung aufzubauen, wurde zuverlässige Erzeugung abgeschaltet und die Lücke mit Importen, Reservekraftwerken und Verbrauchssteuerung überdeckt. Deshalb gewinnt auch die Forderung, Isar 2 wieder ans Netz zu bringen, neue Aktualität. Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke nicht wegen technischer Unbrauchbarkeit, sondern aufgrund einer politischen Entscheidung stillgelegt.
Osteuropa zeigt nun in Echtzeit, was geschieht, wenn mehrere große Kraftwerke gleichzeitig ausfallen und der Verbrauch hoch bleibt. Dort beginnen die Strom-Lockdowns bereits in der weichsten Form: Appelle an Haushalte, Abschaltungen in der Industrie und hektische Notmaßnahmen. Deutschland nennt denselben Mechanismus Flexibilität. Wenn die Erzeugung nicht reicht, bedeutet er am Ende trotzdem: Maschinen aus, Ladevorgänge gedrosselt und Verbrauch nach behördlicher Netzlage.








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