Claude versieht neue Texte mit einem unsichtbaren Wasserzeichen. Der Nutzer sieht davon nichts, doch eine dafür entwickelte Prüfsoftware soll später erkennen können, dass der Text von einem unterstützten Claude-Modell verarbeitet wurde. Anthropic führt diese Kennzeichnung im Zuge der Transparenzpflichten des europäischen KI-Gesetzes ein. Das Problem: Der Marker unterscheidet nicht zwischen einem komplett von Claude geschriebenen Artikel und einem menschlichen Text, den Claude nur korrigiert oder neu formatiert hat.
Wie Anthropic in seiner offiziellen Erklärung schreibt, wird das Wasserzeichen direkt „in den Text eingewebt“. Gemeint sind keine geheimen Buchstaben, keine unsichtbaren Unicode-Zeichen und kein Anhang an der Datei. Vereinfacht gesagt bekommt Claude bei vielen Stellen mehrere gleich gut passende Wörter angeboten. Das Modell bevorzugt dann bestimmte Wörter nach einem geheimen mathematischen Muster. Für Menschen klingt der Satz normal. Ein Prüfprogramm kann aber über einen längeren Text zählen, ob die auffälligen Wortentscheidungen häufiger vorkommen, als es der Zufall erwarten ließe.
Deshalb überlebt die Markierung einfaches Kopieren und Einfügen. Auch ein paar manuelle Änderungen müssen das Muster nicht zerstören. Anders als bei Bildern handelt es sich beim Text nicht bloß um Herkunftsmetadaten, die mit einem Exportprogramm entfernt werden könnten. Bei von Claude erzeugten PNG-, JPG- oder SVG-Dateien nutzt Anthropic zusätzlich signierte C2PA-Metadaten. Beim Text gibt es dagegen kein Kästchen, keinen Dateieintrag und kein einzelnes Zeichen, das sich löschen ließe. Die Wortfolge selbst trägt das Signal.
Brisant ist, was Anthropic selbst einräumt: Eine Claude-Markierung beweist nicht, dass Claude der ursprüngliche Autor war. Menschen lassen eigene Texte von der KI Korrektur lesen, übersetzen, zusammenfassen, umstellen oder formatieren. Gibt Claude anschließend eine bereinigte Fassung aus, kann auch dieser Text das Wasserzeichen tragen. Wer einen selbst geschriebenen Aufsatz lediglich auf Rechtschreibfehler prüfen lässt, kann damit am Ende dieselbe maschinenlesbare Markierung erhalten wie jemand, der den gesamten Inhalt generieren ließ.
Damit sagt der Fund nichts Verlässliches darüber aus, wie viel KI in einem Text steckt. Er bedeutet nur, dass eine Fassung möglicherweise durch Claude gelaufen ist. Umgekehrt beweist ein fehlender Marker ebenfalls keine menschliche Urheberschaft. Anthropic nennt starke Bearbeitung, Umformulierung, Übersetzung oder das Vermischen mit anderen Texten ausdrücklich als Gründe, weshalb das Wasserzeichen nicht mehr erkennbar sein kann. Nach der Debatte über eine Ausweispflicht und neue Kontrolldaten bei Claude entsteht damit ein weiteres Herkunftssignal, dessen Aussagekraft leicht überschätzt werden kann.
Genau hier setzt der derzeit verbreitete Umweg an: Anwender geben einen mit Claude erstellten oder korrigierten Text vor der Veröffentlichung noch einmal an ChatGPT und verlangen eine minimale sprachliche Überarbeitung. ChatGPT wählt dabei andere Wörter, verändert Satzbau und Rhythmus und zerlegt so das statistische Muster. OpenAI hat selbst erklärt, dass solche Textwasserzeichen gegenüber einer globalen Umformulierung durch ein anderes Sprachmodell anfällig sind. Ein Knopf zum Entfernen existiert also nicht; der Text muss tatsächlich neu formuliert werden.
Eine Garantie ist dieser Trick nicht. Wie stark die Änderung sein muss und wie Anthropics künftiger Detektor entscheidet, ist derzeit nicht öffentlich dokumentiert. Zudem wäre der Vorteil sofort dahin, wenn ChatGPT seinerseits ein kompatibles Textwasserzeichen einführt. OpenAI kennzeichnet bereits KI-Bilder mit Herkunftssignalen und verfolgt nach eigener Darstellung einen mehrschichtigen Ansatz. F‑NEWS hat die wachsende Kennzeichnungspolitik bereits beim KI-Stempel des europäischen AI Act eingeordnet.
Für Schulen, Redaktionen und Arbeitgeber ist deshalb Vorsicht geboten. Ein erkanntes Wasserzeichen darf nicht als Beweis dafür behandelt werden, dass ein Mensch seinen Text von einer Maschine schreiben ließ. Es kann ebenso gut bedeuten, dass Claude lediglich ein Komma gesetzt, Tippfehler beseitigt oder die Absätze geordnet hat. Ausgerechnet ein Instrument, das Transparenz schaffen soll, kann ohne diese Einordnung zur falschen Verdächtigung führen.






