Wenn Erwachsene nach Jahren Schule wieder Mühe haben, Texte zu lesen und zu verstehen, ist das kein Randproblem mehr, sondern ein gesellschaftlicher Alarm. Die Kronen Zeitung greift das Tabuthema am Beispiel Kärnten auf: niedrige Lesekompetenz, Scham, Basisbildungskurse und Menschen, die im Alltag Formulare, Speisekarten oder Verträge nicht mehr selbst sicher bewältigen können.
Der Befund ist bitter. Laut OECD-Studie PIAAC 2022/23 erreichen in Österreich 29 Prozent der 16- bis 65-Jährigen nur Kompetenzstufe 1 oder darunter beim Lesen. Der OECD-Schnitt liegt bei 26 Prozent. Elf Jahre zuvor waren es in Österreich noch deutlich weniger. Statistik Austria führte die Erhebung im Auftrag österreichischer Ministerien durch. Getestet wurden Lesekompetenz, Alltagsmathematik und adaptives Problemlösen. Es geht also nicht um die Frage, ob jemand einzelne Wörter entziffern kann, sondern ob er schriftliche Texte im Alltag verstehen, nutzen und einordnen kann.
Das ist der Unterschied zwischen Lesen und Teilhabe. Wer einen Brief vom Amt nicht versteht, wer einen Mietvertrag nur mit fremder Hilfe liest, wer bei Sicherheitshinweisen am Arbeitsplatz aussteigt oder Bewerbungen nicht allein schreiben kann, ist abhängig. Nicht nur beruflich, sondern privat. Leseschwäche macht klein. Sie erzeugt Ausreden, Scham und Rückzug. Man vergisst angeblich die Brille, bittet andere um Hilfe oder bestellt immer dasselbe, weil die Speisekarte zur Wand aus Buchstaben wird.
Österreich ist damit nicht allein. Die OECD weist für Deutschland 22 Prozent der Erwachsenen auf Kompetenzstufe 1 oder darunter aus. Das ist besser als Österreich mit 29 Prozent, aber weit entfernt von Entwarnung. Auch die Broschüre LEO PIAAC 2023 der Universität Hamburg zeichnet ein beunruhigendes Bild: Rund 10,6 Millionen Erwachsene zwischen 16 und 65 Jahren liegen im niedrigsten Kompetenzbereich. Gegenüber 2012 stagniert der Anteil praktisch. Aus einem österreichischen Alarm wird damit ein deutschsprachiges Problem.
Wichtig ist die begriffliche Vorsicht. PIAAC misst Lesekompetenz, nicht einfach Schreibfähigkeit. Die deutsche LEO-Studie 2018 kam bei geringer Literalität im engeren Sinne auf 6,2 Millionen Erwachsene, die Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben jenseits einfacher Sätze haben. Die neue LEO-PIAAC-Auswertung schaut breiter auf Kompetenzstufe 1 und darunter; die OECD-Länderprofile wiederum verwenden die internationale PIAAC-Systematik. Deshalb sind die Zahlen nicht eins zu eins identisch. Die Richtung aber ist klar: Ein erheblicher Teil der Erwachsenen kommt mit Texten nicht sicher genug zurecht.
Für Schulen wird diese Entwicklung noch brisanter, wenn in einzelnen Klassen der Anteil von Kindern mit „anderer Familiensprache“ oder erst kurzer Aufenthaltsdauer weiter steigt. Ohne kleinere Lerngruppen, konsequente Sprachförderung und klare Leistungsstandards droht aus heutiger Leseschwäche die nächste Bildungskrise zu werden.
Das Thema wird politisch gern falsch sortiert. In Österreich heißt es laut Krone ausdrücklich: Niedrige Lesekompetenz ist kein reines Migrantenthema; etwa die Hälfte der Betroffenen sei in Österreich geboren, die andere Hälfte im Ausland. Auch in Deutschland ist das Bild gemischter, als es schnelle Parolen nahelegen. Die LEO-PIAAC-Broschüre zeigt zwar, dass der Anteil im Ausland Geborener mit ausländischen Eltern innerhalb der niedrig literalisierten Gruppe von 28 auf 46 Prozent gestiegen ist. Aber damit ist das Problem eben nicht erledigt. Es betrifft auch Menschen, die im Land aufgewachsen sind, gearbeitet haben, Familien gegründet haben und trotzdem mit Texten kämpfen.
Der eigentliche Skandal liegt tiefer: Neun oder mehr Jahre Schule garantieren offenbar nicht, dass Lesekompetenz dauerhaft bleibt. Wer nach der Schule kaum liest, wer in Jobs arbeitet, die wenig Textpraxis verlangen, wer schlechte Schulerfahrungen mitnimmt oder früh gelernt hat, Lesen zu vermeiden, kann Kompetenzen verlieren oder nie richtig festigen. Digitalisierung löst das nicht automatisch. Sie kann sogar verschärfen: Sprachnachrichten, Kurzvideos, Icons und automatische Formulare ersetzen nicht die Fähigkeit, einen längeren Text zu verstehen.
Für den Arbeitsmarkt ist das explosiv. Es gibt kaum noch Berufe ohne schriftliche Anforderungen. Sicherheitsanweisungen, Lageretiketten, digitale Arbeitspläne, Dienstanweisungen, Bewerbungsportale, Onlinebanking, Behördenpost — überall steht Text. Wer ihn nicht sicher versteht, bleibt häufiger in einfachen Tätigkeiten hängen, meidet Weiterbildung und wird anfälliger für Abhängigkeit von anderen.
Für die Demokratie ist es nicht weniger brisant. Die LEO-PIAAC-Broschüre weist darauf hin, dass geringe Literalität politische Teilhabe schwächt. Wer längere Texte, Programme, Verträge, Widersprüche und Kleingedrucktes kaum bewältigt, ist leichter auf Schlagworte angewiesen. Das bedeutet nicht, dass Menschen mit Leseschwierigkeiten dumm sind. Es bedeutet, dass eine Gesellschaft, die Lesen verliert, auch Urteilsfähigkeit verliert.
Die Antwort kann nicht sein, Betroffene zu beschämen. Genau das treibt sie in die Vermeidung. Österreichische Volkshochschulen bieten Basisbildungskurse an, oft kostenlos, in kleinen Gruppen und ohne Testdruck. Deutschland hat mit der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung ebenfalls Strukturen aufgebaut. Aber die Hürde bleibt hoch, weil Erwachsene selten offen sagen: Ich kann das nicht gut genug.
Vielleicht ist das der unbequemste Satz: Analphabetismus im modernen Sinn sieht nicht immer aus wie völlige Unfähigkeit. Oft sieht er aus wie Ausweichen. Wie Schweigen. Wie „mach du das mal“. Wie ein unterschriebener Vertrag, den jemand nicht verstanden hat. Wie ein Arbeitsplatz, an dem man sich durchmogelt. Wie eine Demokratie, in der immer weniger Menschen lange Texte lesen — und immer mehr trotzdem mitreden sollen.
Österreich schlägt Alarm. Deutschland sollte nicht so tun, als stünde es daneben. Wer Bildung nur an Schulabschlüssen misst, übersieht die Erwachsenen, die nach der Schule aus dem Lesen herausfallen. Und wer Lesen für selbstverständlich hält, merkt vielleicht zu spät, dass eine Gesellschaft auch verlernen kann, was sie einmal gelernt hat.
Quellen: Kronen Zeitung, OECD Survey of Adult Skills/PIAAC 2023, Statistik Austria, Universität Hamburg LEO PIAAC 2023, LEO 2018






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