Fünf UN-Menschenrechtsmechanismen schlagen wegen der Lage christlicher Frauen und Mädchen in Nigeria Alarm. In einem jetzt veröffentlichten Schreiben an die nigerianische Regierung warnen die Experten vor Entführungen, sexueller Gewalt, Zwangsheirat, Zwangskonversion und einem Klima, in dem Täter häufig nicht zur Rechenschaft gezogen würden.
Das 19-seitige UN-Schreiben trägt das Aktenzeichen AL NGA 2/2026 und wurde am 1. Juni 2026 an die Regierung in Abuja gerichtet. Nach Ablauf der vorgesehenen 60-Tage-Frist wurde es öffentlich zugänglich gemacht. Wie ADF International berichtet, liegt bis heute keine Antwort der nigerianischen Regierung auf diese Kommunikation vor.
Unterzeichnet ist das Schreiben von den UN-Sonderberichterstattern für Gewalt gegen Frauen und Mädchen, außergerichtliche Hinrichtungen, Minderheitenfragen und Folter sowie der Arbeitsgruppe gegen das Verschwindenlassen. Die Experten betonen ausdrücklich, dass sie die ihnen übermittelten Vorwürfe nicht vorweg als erwiesen behandeln. Zugleich sprechen sie von gut begründeten Berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen und von einer sich verschärfenden Unsicherheit im Norden Nigerias und im sogenannten Middle Belt.
Genannt werden Boko Haram, der Islamische Staat in Westafrika und radikale Fulani-Milizen. Die Gewalt werde überwiegend nichtstaatlichen Akteuren zugeschrieben, könne aber durch gesellschaftliche oder institutionelle Duldung, Untätigkeit und Nachlässigkeit verschärft werden. Frühere Schreiben der UN-Mandatsträger aus den Jahren 2020, 2021 und 2023 seien nach Darstellung der Experten unbeantwortet geblieben.
Vier Fälle stehen im Mittelpunkt. Zwei christliche Frauen sollen entführt und mehrfach sexuell missbraucht worden sein. Ein 13-jähriges Mädchen sei zur Konversion und zur Heirat gezwungen worden. In einem weiteren Fall seien Töchter eines Pastors und Gemeindemitglieder von Boko Haram verschleppt worden. Einer 16-jährigen Christin soll die Hand abgetrennt worden sein, nachdem ihre Familie einen Vorschlag zur Zwangsheirat abgelehnt hatte. Die Namen mehrerer Betroffener wurden aus Schutzgründen geschwärzt.
Besonders erschütternd ist die Lage in Lagern für Binnenvertriebene. Dort gebe es Berichte über fehlende Nahrung und medizinische Hilfe, sexuelle Übergriffe und Mädchen, die für Lebensmittel zu sexuellen Handlungen gezwungen würden. In einzelnen Regionen sollen christliche Frauen sogar Hijabs tragen, um Schutz und gesellschaftliche Akzeptanz zu erhalten. F-NEWS berichtete bereits über die vergessenen Töchter Nigerias und die Verfolgung durch Boko Haram.
Die UN-Experten führen außerdem Zahlen an, die ihnen von Dritten übermittelt wurden: Von weltweit 4.849 Christen, die 2025 wegen ihres Glaubens getötet worden sein sollen, entfielen demnach 3.490 und damit rund 72 Prozent auf Nigeria. Zwischen Oktober 2019 und September 2025 seien bei 15.434 Angriffen insgesamt 42.033 Zivilisten getötet worden, darunter 28.551 Christen. Diese Angaben werden im Schreiben als erhaltene Informationen wiedergegeben, nicht als eigene Erhebung der Vereinten Nationen.
Weitere Sorge gilt den zwölf nigerianischen Bundesstaaten mit strenger Scharia-Gesetzgebung. Die Experten nennen Benachteiligungen von Nichtmuslimen, schwere Folgen eines Übertritts vom Islam sowie Blasphemiegesetze, die teilweise die Todesstrafe vorsehen. F-NEWS hat auch in einer breiteren Dokumentation über Gewalt, Entführungen und staatliches Wegsehen bei der Christenverfolgung berichtet.
Die UN-Mandatsträger verlangen Auskunft über Ermittlungen, Festnahmen und Gerichtsverfahren, den Verbleib der Verschleppten, den Schutz religiöser Minderheiten und die Zukunft der Blasphemiegesetze. Zugleich fordern sie Sofortmaßnahmen für Entführte, Opfer sexueller Gewalt und Minderjährige, die von Zwangsheirat oder Zwangskonversion bedroht sind. Nach Jahren unbeantworteter Schreiben liegt der Ball erneut bei Abuja. Für die betroffenen Frauen und Mädchen ist eine weitere Frist von 60 Tagen allerdings kein Schutz.






