Zwölf Jahre. 4.383 Tage. Für Ruth, eine Mutter aus dem nigerianischen Chibok, ist jeder einzelne davon ein Tag des Wartens, des Betens und der quälenden Ungewissheit – wie Open Doors berichtet. Ihre Töchter Godiya und Hauwa gehören zu jenen Mädchen, die in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2014 von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram aus einem Internat verschleppt wurden – über 270 zumeist christliche Schülerinnen, gezielt ausgewählt wegen ihres Glaubens. Die Weltöffentlichkeit war damals kurz entsetzt, Twitter trendete mit #BringBackOurGirls, Michelle Obama hielt ein Schild hoch. Dann wandte man sich wieder anderen Dingen zu.
Christenverfolgung in Nigeria ist kein Randphänomen und kein Zufall. Das Land belegt Platz 7 im Weltverfolgungsindex von Open Doors – hinter Nordkorea, Somalia und Afghanistan. Boko Haram, was übersetzt so viel bedeutet wie „westliche Bildung ist Sünde“, hat es von Anfang an gezielt auf christliche Gemeinschaften abgesehen. Die Schule von Chibok war ein Symbol: Mädchen, die lernten, die Bibel lasen, die sich eine Zukunft jenseits der islamistischen Herrschaft vorstellten. Genau das wollte Boko Haram auslöschen.
Ruth erinnert sich an jeden Detail jenes Abends. Die Hochzeit ihres Sohnes am 13. April, die Schüsse vor 23 Uhr, die Rauchschwaden in der zerstörten Schule, die vergebliche Suche nach den Schuluniformen ihrer Kinder. Was folgte, waren Monate falscher Hoffnungen: Einmal wurden die Familien sogar nach Lagos gerufen, ans andere Ende des riesigen Landes, mit dem Versprechen einer Wiedervereinigung. Nichts davon stimmte.
Während ein Teil der entführten Mädchen inzwischen freikam, warten Mütter wie Ruth bis heute auf jedes Lebenszeichen. „Was mich am meisten schmerzt“, sagt sie, „ist die Tatsache, dass ich nicht weiß, ob sie noch am Leben sind oder ob sie getötet wurden.“ Ihr Wunsch ist von herzzerreißender Schlichtheit: einmal die Stimme ihrer Töchter hören. Wissen, ob sie leben. Stattdessen: Stille. Zwölf Jahre Stille – während die internationale Gemeinschaft längst zur Tagesordnung übergegangen ist und die systematische Verfolgung von Christen in Nigeria aus den Schlagzeilen verschwunden bleibt.






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