In Wien haben Menschenrechtsorganisationen schwere Vorwürfe gegen Ägypten erhoben. Anlass war eine Pressekonferenz zur Christenverfolgung, über die ADF International berichtet. Im Mittelpunkt steht der Fall der 17-jährigen koptisch-christlichen Ägypterin Silvana Atef Fanous. Nach Darstellung der beteiligten Organisationen wurde sie entführt, mutmaßlich vergewaltigt und zwangskonvertiert.
Der Fall ist deshalb so brisant, weil es nicht nur um private Gewalt geht. Nach Angaben von ADF International sollen Polizeibeamte das minderjährige, geistig behinderte Mädchen an den mutmaßlichen Täter übergeben haben. Die Familie sei festgenommen und gefoltert worden, als sie Anzeige erstatten wollte. Wenn diese Darstellung zutrifft, geht es nicht mehr nur um mangelnden Schutz einer religiösen Minderheit. Dann steht staatliche Mitwirkung am Unrecht im Raum.
An der Pressekonferenz waren unter anderem die Europäische koptische Menschenrechtsorganisation, die Internationale Gesellschaft Orientalischer Christen und ADF International beteiligt. Medhat Klada, Präsident von EUCHOR, warf dem ägyptischen Staat laut Mitteilung vor, das Gesetz nach religiöser Selektion anzuwenden. Der Jurist Mina Ghattas ordnete die Vorgänge völkerstrafrechtlich ein und sprach von möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter erzwungenes Verschwindenlassen, sexuelle Gewalt, Freiheitsentzug und religiös motivierte Verfolgung.
Besonders schwer wiegt die Zahl, die Martin Lessenthin, Sachverständiger für Menschenrechtsfragen und Mitherausgeber der Jahrbücher für Religionsfreiheit, nannte. Jährlich wisse man von rund 5.000 Entführungsfällen in Verbindung mit Eheschließung und Konversion. Solche Angaben müssen sauber geprüft und politisch ernst genommen werden. Denn wenn Entführung, Zwangskonversion und Nichtverfolgung von Tätern ein Muster bilden, ist das keine Einzelfallverwaltung mehr, sondern strukturelle Christenverfolgung.
ADF International verweist außerdem auf Blasphemiegesetze als Instrument der Repression. Dr. Felix Böllmann, Leiter der europäischen Rechtsabteilung von ADF International, sagte laut Mitteilung, Christen könnten sich in Ägypten nicht auf einen neutralen Rechtsstaat verlassen. Als Beispiel wird der christliche Blogger Augustinos Samaan genannt, der zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. ADF International unterstützt den Fall juristisch.
Der europäische Bezug ist offensichtlich. Ägypten gilt vielen Regierungen als wichtiger Partner in Sicherheits-, Migrations- und Wirtschaftsfragen. Genau deshalb wird bei Menschenrechtsfragen gern leiser gesprochen. Die österreichische Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler forderte laut ADF, westliche Staaten müssten gegenüber Ägypten stärker auftreten. Mina Ghattas verlangte eine internationale Untersuchung und knüpfte europäische Entwicklungsgelder an rechtsstaatliche Mindeststandards.
Das ist der Punkt, an dem Sonntagsreden enden. Europa spricht viel von Menschenrechten, Religionsfreiheit und Minderheitenschutz. Doch wenn Christen in einem Partnerland verfolgt, verschleppt oder durch Blasphemiegesetze mundtot gemacht werden, bleibt der politische Druck oft erstaunlich schwach. Für andere Themen findet Brüssel schnell scharfe Worte und Finanzhebel. Bei Christenverfolgung wird noch immer zu oft diplomatisch geflüstert.
Prof. Thomas Schirrmacher warnte laut Mitteilung, Schweigen von Regierungen und Kirchen werde als Zustimmung gedeutet. Das ist eine bittere, aber plausible Diagnose. Wer religiöse Minderheiten schützen will, muss Fälle wie Silvana Atef Fanous öffentlich halten, Täter benennen, staatliche Mitwirkung prüfen und Hilfsgelder nicht blind weiterlaufen lassen.
Die Wiener Pressekonferenz zeigt: Christenverfolgung ist kein historisches Thema und kein Randproblem ferner Regionen. Sie geschieht heute, in Ländern mit diplomatischen Beziehungen, Handelsabkommen und europäischem Geldfluss. Wer Menschenrechte ernst meint, darf Religionsfreiheit nicht nur dann verteidigen, wenn sie politisch bequem ist.






