Erdogans neuer Machtpakt: Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien auf dem Weg zum zweiten Osmanischen Reich?

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Die Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien haben am 7. August in Mekka einen gemeinsamen Verteidigungspakt geschlossen. Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle gelten. Damit entsteht eine neue Machtachse: Türkische Truppenstärke und Rüstungsindustrie treffen auf saudisches Geld und pakistanische Atomwaffen.

Das sogenannte „Mecca Joint Defense Agreement“ wurde von Recep Tayyip Erdogan, dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif unterzeichnet. Nach Angaben der drei Regierungen soll das Bündnis rein defensiv sein und keine Konkurrenz zur NATO bilden. Pakistan erklärte zudem, der Pakt stehe grundsätzlich weiteren Staaten offen.

Die Formel erinnert dennoch unübersehbar an Artikel 5 des NATO-Vertrags. Die Türkei gehört weiterhin dem westlichen Bündnis an und verfügt dort nach den USA über eine der größten Armeen. Pakistan ist die einzige Atommacht der islamischen Welt. Saudi-Arabien bringt Ölreichtum, Finanzkraft und erheblichen Einfluss in der arabischen Welt ein. Zusammen besitzen die drei Staaten alles, was eine sunnitische Ordnungsmacht braucht: Soldaten, Rüstungstechnologie, Geld und nukleare Abschreckung.

Die Zusammenarbeit fällt nicht vom Himmel. Saudi-Arabien und Pakistan hatten bereits 2025 einen gegenseitigen Beistandspakt geschlossen. Ankara und Islamabad kooperieren seit Jahren bei Rüstung, Ausbildung und Manövern. Anfang 2026 liefen die Gespräche über eine Erweiterung bereits offen. Was damals noch als mögliches „islamisches NATO“-Modell diskutiert wurde, ist nun in Mekka vertraglich besiegelt.

Für die NATO entsteht damit eine heikle Doppelrolle. Sollte die Türkei über den neuen Pakt in einen Konflikt Pakistans oder Saudi-Arabiens hineingezogen werden, folgt daraus nicht automatisch ein NATO-Bündnisfall. Der NATO-Vertrag schützt Mitglieder gegen einen Angriff; er verpflichtet die Partner nicht dazu, Kriege mitzutragen, die aus einem anderen Bündnis oder aus offensivem Handeln entstehen. Trotzdem könnte Ankara versuchen, politische Rückendeckung, Aufklärung oder militärische Infrastruktur des Westens zu nutzen.

Wie riskant solche überlappenden Bündnisse werden können, zeigt der Blick auf die bestehenden Spannungen. Pakistan steht Indien gegenüber, Saudi-Arabien ringt um die Führung der arabischen Welt und die Türkei verfolgt eigene Interessen in Syrien, Libyen, im östlichen Mittelmeer und im Südkaukasus. F-News hat bereits über die Frage berichtet, wann ein Konflikt im Nahen Osten überhaupt den NATO-Bündnisfall auslösen könnte. Auch die grundsätzliche Debatte über eine neue Sicherheitsordnung neben der NATO erhält durch den Pakt eine völlig neue Richtung.

Besonders beunruhigend ist Erdogans eigene Rhetorik. Bei einer Rede zur Eroberung Konstantinopels erklärte er 2015: „Die Eroberung ist Jerusalem.“ Im selben historischen Bogen sprach er davon, „die Flagge des Islam wieder über Jerusalem zu hissen“. 2020 sagte er vor dem türkischen Parlament: „Jerusalem ist unsere Stadt, eine Stadt von uns.“ Dabei verwies er ausdrücklich auf die jahrhundertelange Herrschaft des Osmanischen Reiches über Jerusalem.

Auch an anderer Stelle beschreibt Erdogan die heutige Türkei als Erbin des Osmanischen Reiches. 2022 sagte er, die Türkei habe „die Fahne der Unabhängigkeit und der Zukunft vom Osmanischen Reich übernommen“. Nach einer Reise durch Malaysia, Indonesien und Pakistan erklärte er 2025, die dortige Anerkennung gelte dem „osmanischen Erbe“, und fügte hinzu, der Einfluss der Türkei in der Region und weltweit werde weiter wachsen.

Daraus folgt nicht automatisch, dass Erdogan ein zweites Osmanisches Reich mit seinen alten Grenzen errichten will, seine Politik lässt sich jedoch als neo-osmanischer Machtanspruch lesen: Ankara soll nicht bloß ein Staat unter vielen sein, sondern politisches, militärisches und religiöses Zentrum eines größeren sunnitischen Raumes.

Zu dieser Machtprojektion gehört auch die Diaspora. In Deutschland lebten 2025 rund 1,5 Millionen Menschen, die in der Türkei geboren wurden; 1,385 Millionen besaßen die türkische Staatsangehörigkeit. In England und Wales ordneten sich beim Zensus 2021 knapp 1,6 Millionen Menschen der pakistanischen Volksgruppe zu. Sollte der Pakt eines Tages eine islamisch begründete Aggression mit dem Ziel Jerusalem tragen, läge ein Teil der politischen Auseinandersetzung deshalb mitten in Europa. Ankara hat bereits gezeigt, dass es Auslandstürken für Wahlkämpfe und politische Kundgebungen mobilisieren kann. Denkbar wären Massendemonstrationen, Spendensammlungen, Lobbydruck, Einflusskampagnen und im äußersten Fall Versuche extremistischer Kreise, Unterstützer zu rekrutieren. Für die pakistanische Gemeinschaft in Großbritannien ist eine vergleichbar direkte staatliche Steuerung nicht belegt; ihre Größe würde sie dennoch zu einem wichtigen Adressaten religiöser und nationalistischer Mobilisierung machen.

Europas Regierungen müssten damit rechnen, dass Ankara und Islamabad vorhandene Verbände, Moscheestrukturen, Medien und soziale Netzwerke nutzen könnten, um den Konflikt auf europäische Straßen und in die Innenpolitik zu tragen.

Der neue Dreierpakt könnte dafür zum Werkzeug werden. Pakistan liefert die nukleare Rückversicherung, Saudi-Arabien die finanziellen Mittel und die religiöse Autorität der heiligen Stätten, die Türkei die Armee, Drohnen und Erdogans Führungsanspruch. Offiziell richtet sich das Bündnis gegen niemanden. Doch Beistandspakte zeigen ihre wahre Bedeutung erst in der Krise.

Wenn Erdogan seine Worte über Jerusalem nur als historische und innenpolitische Mobilisierung gemeint haben sollte, bleibt der Pakt ein neuer Sicherheitsblock neben bestehenden Bündnissen. Sollte er sie jedoch als politisches Programm verstehen, hätte sich in Mekka nicht bloß eine Verteidigungskooperation formiert. Dann wäre der Grundstein für eine islamisch geprägte Machtachse gelegt, deren Ziele weit über die Verteidigung ihrer heutigen Grenzen hinausreichen könnten.

Quellen: Associated Press zum Abschluss des Dreierpakts, Associated Press zur offiziellen Einordnung als defensives Bündnis, Chatham House zu den strategischen Motiven, Türkisches Präsidialamt zu Erdogans osmanischer Selbstverortung, Times of Israel zur Jerusalem-Rede von 2020, Destatis zur Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte, ONS zum Zensus 2021 in England und Wales.

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