Während die WHO gerade wegen eines Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda internationale Alarmstufe ausruft, passt eine Meldung aus Oxford plötzlich erstaunlich gut ins Bild. Die Oxford Vaccine Group arbeitet mit Partnern an multivalenten Impfstoffen gegen mehrere tödliche Filoviren: Ebola, Sudan-Virus, Bundibugyo-Virus und Marburg-Virus. Finanziert wird das Projekt mit bis zu 26,7 Millionen Dollar von CEPI und dem EU-Programm Horizon Europe.
Medizinisch klingt das zunächst plausibel. Trotzdem darf man sich an das Drehbuch erinnert fühlen. Erst kommt der exotische Erreger, dann die internationale Notlage, dann die Warnung vor möglicher Ausbreitung, dann die Plattformtechnologie. Oxford nennt ChAdOx, Moderna bringt mRNA ins Spiel, Leipzig soll mit KI Immunogene designen, CEPI spricht von der „100 Days Mission“. Die nächste Pandemie soll binnen 100 Tagen nach Identifikation eines neuen Virus mit passenden Impfstoffen beantwortet werden können.
Das klingt nach Fortschritt. Es klingt aber auch nach einer permanenten Impfstoff-Vorbereitungsmaschine, die nur auf das nächste Signal wartet. Ebola, Marburg, Sudan, Bundibugyo, „Disease X“ – aus einzelnen Ausbrüchen wird ein ganzer Baukasten für globale Gesundheitsplanung. Die Sprache ist dabei immer dieselbe: Bereitschaft, gerechter Zugang, globale Sicherheit, zukünftige Bedrohungen.
Die neue Oxford-Initiative will nicht nur bekannte Erreger abdecken. Sie zielt ausdrücklich auch auf noch unbekannte Mitglieder der Filovirus-Familie, die künftig auftauchen könnten. Dazu sollen die entwickelten Daten und Immunogen-Designs in eine CEPI-„Disease X Vaccine Library“ einfließen. Eine Art Impfstoff-Bibliothek für das, was noch gar nicht da ist.
Man kann das vorausschauend nennen. Man kann es aber auch als nächste Stufe einer Gesundheitsindustrie lesen, die aus jeder möglichen Gefahr ein Forschungsprogramm, aus jedem Forschungsprogramm eine Plattform und aus jeder Plattform ein politisches Steuerungsinstrument macht. Die Grenze zwischen sinnvoller Vorbereitung und dauerhafter Alarmverwaltung wird dabei immer dünner.
Besonders auffällig ist die EU-Rolle. Während Bürger in Europa über steigende Krankenkassenbeiträge, Klinikschließungen, Facharztmangel und Pflegekrisen reden, fließt europäisches Geld in globale Impfstoffprogramme gegen Erreger, die vor allem in afrikanischen Ausbruchsregionen auftreten. Das kann aus seuchenpolitischer Sicht begründet sein. Politisch bleibt die Frage, warum Brüssel bei globaler Gesundheitsvorsorge erstaunlich handlungsfähig wirkt, während die Versorgung vor Ort vielerorts ächzt.
Auch Moderna ist wieder dabei. Die Firma, die in der Corona-Zeit zum Symbol der mRNA-Ära wurde, testet nun mit Oxford und Partnern mögliche Filovirus-Impfstoffkandidaten gegen klassische ChAdOx-Vektoren. Ausgerechnet Ebola und Marburg werden damit zum nächsten Feld, auf dem schnelle Plattformtechnologien ihre Zukunft beweisen sollen.
Die WHO betont zwar, es handele sich nicht um eine Pandemie-Notlage. Die politische Pointe liegt woanders: Wer die Corona-Jahre erlebt hat, erkennt die Kulisse. Internationale Notlage, fragile Staaten, globale Solidarität, EU-Gelder, mRNA-Plattformen, 100-Tage-Mission, Disease X. Alles einzeln erklärbar. Zusammen ergibt es ein Muster, bei dem der Bürger sich fragt, ob die nächste Gesundheitskampagne nicht schon vorbereitet wird, bevor er überhaupt verstanden hat, worum es diesmal geht.
Ebola, ick hör dir trapsen.
Quellen: Oxford Vaccine Group, CEPI, WHO, ECDC, EU/Horizon Europe






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