Der Grünen-Kandidat David Possenriede gerät kurz vor der Kommunalwahl im Landkreis Vechta wegen eines älteren Videos unter Druck. Darauf soll er als damals etwa 20-Jähriger bei einer privaten Feier zur Melodie von „L’Amour Toujours“ die Parole „Ausländer raus“ gesungen haben. Ausgerechnet ein Kandidat jener Partei, die ähnliche Vorfälle regelmäßig zum politischen Skandal erklärt.
Wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet, hat der Grünen-Kreisverband Konsequenzen gezogen und Possenriede die aktive Wahlkampfhilfe entzogen. Von der Wahlliste kann der 23-Jährige aus rechtlichen Gründen allerdings nicht mehr gestrichen werden. Er kandidiert am 13. September auf Listenplatz zwei im Wahlbereich Dinklage, Holdorf und Steinfeld für den Kreistag.
Possenriede ist nach Angaben seines Kreisverbandes Sachbearbeiter in einer Stadtverwaltung. Von 2021 bis 2025 war er Kreisschatzmeister der Grünen in Vechta. Zudem arbeitete er 2024 im Europawahlkampf für Britta Haßelmann und 2025 im Bundestagswahlkampf für Annalena Baerbock. Auf der Internetseite der Grünen bezeichnet er sich als „pragmatischen, realistischen Grünen aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft“.
Der Vorfall soll rund drei Jahre zurückliegen und nicht im aktuellen Wahlkampf passiert sein. Das gehört zur vollständigen Einordnung. Es ändert aber nichts an der politischen Fallhöhe. Seit dem Sylt-Video von 2024 wurden Menschen wegen derselben Parole öffentlich an den Pranger gestellt, verloren Arbeitsplätze oder gerieten ins Visier von Ermittlern. Schulen, Veranstalter und Politiker warnten vor dem Lied, teilweise wurde es aus Programmen gestrichen.
Bei einem Grünen-Kandidaten fällt die Reaktion nun auffällig pragmatisch aus. Die Partei entzieht ihm die Wahlkampfhilfe, lässt ihn aber mangels rechtlicher Möglichkeit auf der Liste stehen. Ob die Wähler diese Erklärung akzeptieren, entscheiden sie im September. Die Grünen können sich jedenfalls nicht darauf zurückziehen, der Vorgang betreffe irgendeinen Jugendlichen ohne politischen Hintergrund. Possenriede war bereits in der Partei aktiv und wirkte später an Wahlkämpfen führender Bundespolitikerinnen mit.
F-News berichtete zuletzt über den Verdacht gegen Grünen-Chef Felix Banaszak und die Fallhöhe politischer Steuerpredigten. Auch beim Umgang mit missliebigen Parolen gilt: Wer für andere maximale moralische Maßstäbe verlangt, muss sie an die eigenen Leute mindestens ebenso streng anlegen. Bei AfD-Kandidaten haben schon Zweifel an ihrer Verfassungstreue zum Ausschluss von Wahlen geführt, wie der Fall Martin Sichert in Friesland zeigt.
Possenriede hat Anspruch darauf, dass sein Alter und der private Rahmen des alten Videos berücksichtigt werden. Die Grünen haben jedoch selbst ein Klima geschaffen, in dem ein solcher Gesang nicht als jugendliche Dummheit, sondern als politisches Bekenntnis behandelt wird. Nun trifft dieser Maßstab den eigenen Kandidaten. Plötzlich klingt „Döp dö dö döp“ im grünen Wahlkampf ganz anders.






