AfD-Pressemitteilung entwertet Homo-Ehe: Seitenhieb gegen Alice Weidel?

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Satirische Illustration: Jens Spahn im Medienfeuer, die politischen Zielkreise reichen bis zu Alice Weidel
Satirische, KI-generierte redaktionelle Illustration

Der AfD-Bundesvorstand Martin Reichardt rechnet nach dem Rücktritt von Jens Spahn mit der Union ab. In einer über das Presseportal verbreiteten Erklärung wirft er CDU und CSU Heuchelei im Umgang mit Leihmutterschaft vor. Doch die AfD-Mitteilung enthält selbst eine brisante Botschaft: Sie setzt Spahns „Mann“ in Anführungszeichen und entwertet damit demonstrativ die Bezeichnung eines gleichgeschlechtlichen Ehepartners. Dieser Maßstab trifft zwangsläufig auch AfD-Chefin Alice Weidel.

In der Einleitung heißt es, Spahn habe gemeinsam mit seinem „Mann“ bekanntgegeben, Vater eines von einer Leihmutter in den USA ausgetragenen Jungen geworden zu sein. Die Anführungszeichen dienen hier erkennbar nicht der Kennzeichnung eines Zitats. Sie stellen den Begriff infrage. Der Verfasser signalisiert damit, dass er Spahns Ehemann sprachlich nicht als vollwertigen Ehemann anerkennt, obwohl gleichgeschlechtliche und verschiedengeschlechtliche Ehen vor dem Gesetz gleichgestellt sind.

Die Formulierung steht nicht in dem anschließend als direkte Rede ausgewiesenen Zitat Reichardts, sondern im einleitenden Teil der offiziellen AfD-Pressemitteilung. Ob Reichardt den Satz persönlich geschrieben hat oder ob er aus der Pressestelle stammt, geht daraus nicht hervor. Politisch ist diese Unterscheidung zweitrangig: Die Entwertung wird unter seinem Namen verbreitet und bildet den Rahmen für seine anschließende Erklärung.

Die Wortwahl berührt Weidel unmittelbar. Die AfD-Vorsitzende lebt mit einer Frau in einer rechtlich anerkannten gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und zieht mit ihr zwei Söhne groß. Die Kinder sind die leiblichen Söhne ihrer Partnerin und stammen Berichten zufolge von zwei verschiedenen Vätern. Weidel hat sie nach übereinstimmenden Medienberichten adoptiert. Über die privaten Vereinbarungen mit den Vätern ist öffentlich nur wenig bekannt.

Wer bei Jens Spahns Ehepartner das Wort „Mann“ demonstrativ in Anführungszeichen setzt, müsste denselben sprachlichen Maßstab folgerichtig auch bei Weidels Frau anwenden. Es wäre widersprüchlich, die gleichgeschlechtliche Ehe beim politischen Gegner sprachlich abzuerkennen, sie bei der eigenen Parteivorsitzenden aber ohne Anführungszeichen gelten zu lassen. Genau daraus entsteht die innerparteiliche Sprengkraft der Erklärung.

Reichardts eigentlicher Angriff richtet sich ausdrücklich gegen die Union. Er bezeichnet Spahns Rücktritt als „Moralsturm im CDU/CSU-Wasserglas“ und wirft der Partei vor, nicht nach ethischen Grundsätzen, sondern nach öffentlicher Aufmerksamkeit entschieden zu haben. Als Vergleich nennt er den Drogenbeauftragten Hendrik Streeck und den brandenburgischen CDU-Politiker Jan Redmann. Auch deren Vaterschaft sei in der Union ohne vergleichbare Konsequenzen geblieben.

Nach Reichardts Darstellung musste Spahn nicht wegen der Leihmutterschaft gehen, sondern weil die öffentliche Inszenierung seiner Vaterschaft zu einem politischen und medialen Problem für die Parteiführung geworden sei. Er fordert deshalb, auch Streeck und Redmann müssten ihre Ämter niederlegen. Seine Kritik zielt damit auf die behauptete Doppelmoral der Union, enthält aber zugleich einen strengen familienpolitischen Maßstab, der sich nicht dauerhaft auf politische Gegner begrenzen lässt.

Hinzu kommt der Zeitpunkt. Weidel hatte erst kürzlich Formulierungen im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt widersprochen, die Ehe und Familie ausschließlich an die Verbindung von Mann und Frau knüpfen. „Da gehe ich nicht mit“, erklärte sie und verwies offen auf ihre eigene Lebenswirklichkeit. F-NEWS hatte darüber im Beitrag „Weidel widerspricht AfD-Formulierungen zu homosexuellen Partnerschaften“ berichtet.

Vor diesem Hintergrund ist das in Anführungszeichen gesetzte Wort „Mann“ mehr als eine persönliche Spitze gegen Spahn. Es transportiert ein Familienverständnis, das die Homo-Ehe begrifflich nicht als gleichwertige Ehe anerkennt. Damit ist die Formulierung zugleich ein Seitenhieb gegen Weidels Lebensmodell und ein Signal an jene Teile der AfD, die ihre liberalere Haltung zum Familienbild ablehnen. Ob Weidel bewusst getroffen werden sollte, lässt sich nicht belegen. Dass die Aussage sie sachlich mittrifft, ist dagegen kaum bestreitbar.

Reichardt müsste deshalb erklären, warum der Ehemann eines homosexuellen CDU-Politikers nur ein „Mann“ in Anführungszeichen sein soll, während die Frau der eigenen Parteivorsitzenden von demselben Maßstab verschont bleibt. Wer der Union Heuchelei und doppelte Maßstäbe vorwirft, darf ausgerechnet im eigenen Haus nicht mit zweierlei Begriffen arbeiten.

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