Die US-Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard hat am 12. Juni 2026 erstmals Unterlagen zu einem weltweiten, von Washington finanzierten Netzwerk biologischer Labore freigegeben. In ihrer Mitteilung spricht das Office of the Director of National Intelligence von mehr als 120 Einrichtungen in rund 30 Ländern. Die ersten veröffentlichten Dokumente betreffen vier Standorte in der Ukraine.
Gabbard wirft der Regierung von Barack Obama vor, 2009 ein Programm ausgeweitet zu haben, über das biologische Labore im Ausland gebaut, renoviert und ausgestattet wurden. Die offizielle Begründung lautete, gefährliche Krankheitserreger zu sichern, Epidemien frühzeitig zu erkennen und die Weiterverbreitung von Material aus früheren sowjetischen Waffenprogrammen zu verhindern. Nach Darstellung des ODNI flossen jedoch auch Mittel in Arbeiten, bei denen gefährliche Erreger gesammelt und untersucht wurden. Die Behörde spricht ausdrücklich von einem Risiko, dass solche Forschung für militärische oder terroristische Zwecke missbraucht werden könne.
Die vier freigegebenen Projektblätter dokumentieren amerikanische Investitionen in ukrainische Labore in Kiew, Lwiw und Odessa. Beschrieben werden Umbauten, Sicherheitsanlagen, Diagnostikräume, Kühltechnik und Einrichtungen zur Lagerung gefährlicher Proben. In Odessa ging es unter anderem um ein Institut, das mit Pest, Milzbrand, Tularämie und Cholera arbeitete. Die Unterlagen nennen Millionenbeträge und zeigen, dass amerikanische Stellen nicht nur lose mit ukrainischen Forschern kooperierten, sondern konkrete Infrastruktur finanzierten und technische Anforderungen vorgaben.
Damit ist ein Teil dessen amtlich bestätigt, was während des Ukrainekriegs oft pauschal als russische Desinformation abgetan wurde: In der Ukraine existierten tatsächlich biologische Labore, die mit Unterstützung des US-Verteidigungsministeriums modernisiert wurden und gefährliche Krankheitserreger lagerten. Washington wusste davon, bezahlte dafür und war über Verträge und Programme eng eingebunden.
Die neue Freigabe beweist allerdings nicht, dass die USA in diesen Einrichtungen heimlich Biowaffen entwickelten. Auch die Behauptung, sämtliche 120 Labore hätten Gain-of-Function-Forschung betrieben, wird durch die vier veröffentlichten Blätter nicht belegt. Die Dokumente beschreiben Bauvorhaben, Ausstattung, biologische Sicherheit und vorhandene Erregersammlungen. Versuchsprotokolle, Forschungsberichte oder Befehle für offensive Waffenprogramme fehlen.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Ein Labor kann mit Milzbrand oder Pest arbeiten, ohne daraus eine Waffe zu entwickeln. Solche Erreger werden auch für Diagnostik, Überwachung und Impfstoffforschung benötigt. Zugleich ist die Grenze zwischen Schutzforschung und militärisch nutzbarem Wissen nicht immer sauber. Wer Erreger sammelt, ihre Eigenschaften untersucht und Labore in geopolitisch instabilen Regionen ausbaut, schafft zwangsläufig Material und Kenntnisse, die auch missbraucht werden können.
Das US-Verteidigungsministerium hatte bereits 2022 eingeräumt, seit 2005 insgesamt 46 ukrainische Labore, Gesundheitseinrichtungen und Diagnostikstellen im Rahmen des Biological Threat Reduction Program unterstützt zu haben. Gleichzeitig wies Washington den Vorwurf zurück, in der Ukraine „Biowaffenlabore“ zu betreiben. Beides konnte formal gleichzeitig stimmen: US-Geld und US-Technik waren vorhanden, Eigentümer und Betreiber blieben jedoch ukrainische Einrichtungen. In der öffentlichen Kommunikation wurde dieser Unterschied häufig genutzt, um berechtigte Fragen nach Finanzierung, Kontrolle und Forschungsinhalten als bloße Propaganda abzuräumen.
Auch Gabbards jetzige Darstellung ist politisch aufgeladen. Die Pressemitteilung spricht von einem „Obama-era program“ und stellt das gesamte Netzwerk in die Nähe von Gain-of-Function-Forschung. Die bislang veröffentlichten Unterlagen tragen diese weitreichende Schlussfolgerung nur teilweise. Vor allem fehlt eine nachvollziehbare Gesamtliste der angeblich mehr als 120 Standorte. Ebenso fehlen Projektberichte, Genehmigungen, Erregerlisten und Ergebnisse, anhand derer unabhängige Fachleute den tatsächlichen Zweck einzelner Arbeiten beurteilen könnten.
Die Freigabe ist deshalb weder der Beweis für eine weltweite amerikanische Biowaffenverschwörung noch eine belanglose Sammlung alter Bauakten. Sie bestätigt ein großes, bislang nur lückenhaft transparentes Auslandsprogramm des Pentagon. Sie zeigt zudem, dass gefährliche Erreger in einer Region gelagert wurden, die später zum Kriegsschauplatz wurde. Allein das verlangt eine öffentliche Debatte über Sicherheitsstandards, demokratische Kontrolle und die Verantwortung der Geldgeber.
Wenn das ODNI seine eigene Ankündigung ernst meint, muss nun mehr folgen als vier Präsentationsfolien. Erforderlich sind die vollständige Liste der Standorte, Verträge, Forschungsziele, Abschlussberichte, Sicherheitsvorfälle und Angaben darüber, welche Erreger wo gelagert oder verlegt wurden. Gabbard hat eine Tür geöffnet. Ob dahinter eine wirkliche Enthüllung oder vor allem politisches Theater wartet, entscheidet sich erst mit den nächsten Akten.
Quellen: Office of the Director of National Intelligence: Veröffentlichung vom 12. Juni 2026 · US-Verteidigungsministerium: Fact Sheet zum Biological Threat Reduction Program







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