Unvergessen: Kirsten Heisig und die ungeklärten Fragen zu ihrem Tod

,

·

·

Menschenleerer Waldweg mit dichtem Unterholz als Symbolbild zum Tod von Kirsten Heisig
Symbolbild: Waldweg und dichtes Unterholz im Berliner Forst.

Am 28. Juni jährt sich der Tod von Kirsten Heisig zum 16. Mal. Die Berliner Jugendrichterin galt als unbequem, streitbar und furchtlos. Sie verlangte schnelle Konsequenzen für jugendliche Intensivtäter, sprach offen über Gewalt in arabisch geprägten Großfamilien und warf Politik und Justiz vor, bekannte Probleme zu lange beschönigt zu haben. Wenige Wochen nach der berlinweiten Einführung ihres „Neuköllner Modells“ war sie tot. Die Behörden sprachen von Suizid. Bis heute hält sich die Frage: War es wirklich so einfach?

Heisig wurde am 24. August 1961 geboren und arbeitete seit den frühen 1990er Jahren als Richterin. Bundesweit bekannt wurde sie mit der Forderung, jugendliche Täter möglichst rasch nach der Tat vor Gericht zu bringen. Nicht jahrelang Akten verwalten, sondern innerhalb weniger Wochen reagieren, bevor sich kriminelle Laufbahnen verfestigen – das war der Kern des Neuköllner Modells. Am 1. Juni 2010 wurde es auf ganz Berlin ausgedehnt.

In der politischen Debatte wurde Heisig häufig als unerbittliche Hardlinerin dargestellt. Die bis heute kursierende Behauptung, sie habe sogar die Wiedereinführung der Todesstrafe ins Spiel gebracht, lässt sich jedoch nicht belastbar belegen. Im Gegenteil: In einem Beitrag von 2008 erklärte sie selbst, eine Erhöhung der Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahre bringe nichts. Ihr Ansatz bestand nicht in maximalen Strafen, sondern in schnellen, spürbaren und erzieherischen Reaktionen.

Feinde und Gegner hatte sie trotzdem. Sie schickte Angehörige und Bekannte krimineller Großfamilien ins Gefängnis, durchbrach nach eigener Darstellung Schweigemauern und sprach öffentlich über Paralleljustiz. Die Süddeutsche Zeitung schrieb noch während der Suche, Heisig habe von der Bedrohung durch ihre Arbeit im Umfeld verbrecherischer Familien gesprochen. Zugleich legte sie sich mit Teilen der Berliner Politik, der Justizverwaltung und mit Juristen an, die ihr Voreingenommenheit gegenüber migrantischen Angeklagten vorwarfen.

Am Montag, dem 28. Juni 2010, wurde Heisig zuletzt lebend gesehen. Ihr letzter registrierter Handy-Login erfolgte nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft um 21.51 Uhr. Nachdem sie nicht zum Dienst erschienen war, wurde sie vermisst gemeldet. Am 30. Juni fand die Polizei ihr verschlossenes Auto am Tegeler Forst. Persönliche Gegenstände und ihr Dienstausweis lagen geordnet im Fußraum. Trotz mehrerer Suchaktionen, Polizeihundertschaften, Spürhunden und eines Hubschraubers wurde ihr Leichnam erst am 3. Juli gefunden – rund 500 Meter vom Wagen entfernt in dichtem, teilweise schwer zugänglichem Gelände.

Genau hier beginnen die bis heute wiederholten Zweifel. Wie konnte eine großangelegte Suche mehrere Tage lang erfolglos bleiben? Warum erklärte die damalige Justizsenatorin Gisela von der Aue schon kurz nach dem Fund öffentlich, es müsse von Suizid ausgegangen werden, obwohl das rechtsmedizinische Ergebnis noch ausstand? Und weshalb verweigerte die Staatsanwaltschaft zunächst nahezu jede nähere Auskunft über Fundort, Todesursache und die Gründe, die gegen Fremdverschulden sprachen?

Diese Informationspolitik war ein schwerer Fehler. Sie erzeugte erst jenen Nebel, in dem sich später Mordtheorien ausbreiteten. Ein Publizist musste vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eine Auskunft über die objektiven Todesumstände erzwingen. Erst im November 2010 legte die Generalstaatsanwaltschaft einen ausführlicheren Bericht vor.

Dieser Bericht der Generalstaatsanwaltschaft spricht allerdings deutlich gegen ein Tötungsdelikt. Die Obduktion ergab keine Zeichen vorheriger Gewalteinwirkung, keine Fesselungs- oder Abwehrspuren und keine sonstigen Verletzungen, die auf einen Angriff hingedeutet hätten. Die Befunde belegten, dass Heisig zum Zeitpunkt des Erhängens noch lebte. Auch am Auto, in ihrer Wohnung und auf ihrem Handy fanden die Ermittler nach eigenen Angaben keine Hinweise auf Manipulation, gewaltsames Eindringen oder eine Auseinandersetzung. Eine Mordkommission war an den Untersuchungen beteiligt.

Noch schwerer wiegen zwei Vorgänge vom 28. Juni: Heisig suchte ihre Rechtsanwältin auf und ließ schriftlich festhalten, wo sie im Falle ihres Todes beerdigt werden wolle. Am selben Tag löste sie ein Rezept für ein Medikament gegen Depressionen ein. Der Wirkstoff wurde laut Bericht in Überdosis in ihrem Körper festgestellt. Ein befreundeter Jugendrichter berichtete später außerdem von einem früheren Suizidversuch.

Dem stehen Eindrücke von Menschen gegenüber, die Heisig kurz zuvor erlebt hatten. Nur zwei Tage vor ihrem Verschwinden zeichnete sie ein Fernsehgespräch auf. Moderator Peter Hahne beschrieb sie später als selbstbewusst, klar, humorvoll und keineswegs resigniert. Sie habe sich mit den Worten „Bis zum nächsten Mal“ verabschiedet. In einem anderen Interview erklärte sie: „Es gibt arabische Jugendliche, die hassen mich, aber die achten mich.“ Solche Aussagen wirken im Rückblick verstörend. Sie widerlegen eine innere Krise jedoch nicht. Menschen können nach außen entschlossen auftreten und zugleich schwer depressiv sein.

Wer hätte ein Interesse an ihrem Schweigen haben können? Kriminelle Familien, deren Angehörige sie verurteilte? Politische Kreise, denen ihre deutlichen Worte über Integration und Jugendgewalt schadeten? Teile eines Justizapparates, den sie öffentlich unter Druck setzte? Als Gedankenspiel lassen sich viele Nutznießer ihres Verschwindens benennen. Als journalistische Behauptung trägt davon keine. Es gibt bis heute keinen belastbaren Hinweis, dass ein Berliner Clan, ein verurteilter Täter, eine politische Stelle oder ein Kollege an ihrem Tod beteiligt war.

Der eigentliche Widerspruch des Falls liegt deshalb weniger zwischen Mord und Suizid als zwischen öffentlichem Bild und privater Verzweiflung. Hier die durchsetzungsstarke Richterin, die gerade einen politischen Erfolg errungen und ihr Buch abgeschlossen hatte. Dort die dokumentierten Vorbereitungen auf den eigenen Tod und der Nachweis einer Medikamentenüberdosis. Das Motiv ihrer Entscheidung wurde nie öffentlich vollständig erklärt. Die objektiven Todesumstände sind dagegen weit weniger ungeklärt, als es viele Beiträge im Internet bis heute behaupten.

Misstrauen gegenüber Behörden bei solchen Fällen ist berechtigt. Die überhastete Kommunikation und die anfängliche Nachrichtensperre wirken bis heute verdächtig. Neue Beweise sind indes nicht aufgetaucht, die die Mordtheorie erhärten. Kirsten Heisig wäre in diesem Jahr 65 Jahre alt geworden. Ruhe in Frieden!

Quellen: Auskunft der Generalstaatsanwaltschaft Berlin vom 19. November 2010; Süddeutsche Zeitung vom 3. Juli 2010; Kirsten Heisig: Das Ende der Geduld; Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik!

Quelle des Wissens quelle-des-wissens.de
Deine Numerologie-Analyse
Lebenszahl  ·  Seelendrang  ·  Persönlichkeit
Jetzt

Kommentare

Ein Kommentar

  1. Dr.Faustus hat beschlossen und verkündet 👈

    😡😡😡😡 Schlimm 😡😡😡😡

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert