In einem Bundesgerichtsverfahren in Mississippi ist ein Streit um unbezahlte Anwaltshonorare zur Lehrstunde über die Risiken von KI im Gerichtssaal geworden: Wie 404 Media berichtet, hatten die Anwälte beider Streitparteien generative KI-Tools zur Vorbereitung ihrer Schriftsätze eingesetzt mit dem Ergebnis, dass am Ende praktisch eine KI gegen sich selbst argumentierte. Die zuständige Richterin zog daraus deutliche Konsequenzen: Sie strich die Verhandlung, schloss alle vier beteiligten Anwälte vom Fall aus und verhängte Sanktionen.
Sharion Aycock, leitende Bundesrichterin für den Northern District of Mississippi, fand in ihrer Sanktionsentscheidung wenig schmeichelhafte Worte für das Vorgehen der Beteiligten. Der Fall stelle das Gericht vor ein „ungewöhnliches Szenario“, schrieb sie: Anwälte beider Streitparteien hätten sich „ähnlich sanktionierbares Verhalten“ zuschulden kommen lassen. Wörtlich heißt es in der Entscheidung, das Gericht sei „erneut damit belastet, sich mit KI-Halluzinationen in Gerichtsschriftsätzen befassen zu müssen“ – ein Verweis darauf, dass derartige Fälle inzwischen keine Ausnahme mehr sind.
Worum ging es eigentlich? Um einen vergleichsweise schmalen vertraglichen Streit zwischen dem Anwalt Tom Withers und der Stadt Aberdeen, Mississippi, bei dem es um angeblich unbezahlte Anwaltshonorare ging. Withers selbst vertrat sich nicht selbst und wurde von der Richterin auch nicht sanktioniert – betroffen waren ausschließlich die von beiden Seiten beauftragten Anwälte. Aufmerksam auf den Fall wurde zunächst der Anwalt Rob Freund, der regelmäßig über KI-Halluzinationen in Gerichtsverfahren berichtet. Er bezeichnete das Geschehen als eine „Komödie der KI-Fehler“ und brachte es auf den Punkt: Beide Mandanten hätten letztlich dafür bezahlt, dass ChatGPT oder ein vergleichbares Sprachmodell gegen sich selbst argumentierte.
Das Muster ist dabei keineswegs neu. 404 Media hat in der Vergangenheit wiederholt über Fälle berichtet, in denen Anwälte erfundene, nicht existierende Gerichtsentscheidungen in ihre Schriftsätze einbauten, weil sie die Ausgaben ihrer KI-Tools nicht überprüft hatten. Neu war in diesem Fall lediglich der Umfang: Da Anwälte auf beiden Seiten betroffen waren, sah sich die Richterin gezwungen, das Verfahren komplett zu stoppen und sämtliche vier beteiligten Anwälte von dem Fall auszuschließen. Zwei von ihnen erhielten zusätzlich ein zweijähriges Auftrittsverbot vor diesem Gericht. Alle Beteiligten mussten Geldstrafen zwischen 1.000 und 3.500 Dollar zahlen, gestaffelt nach dem Ausmaß ihrer Mitverantwortung dafür, die KI-generierten Inhalte nicht überprüft zu haben.
Der Fall reiht sich ein in eine wachsende Zahl ähnlicher Vorfälle an US-Gerichten. Erst wenige Tage zuvor hatte ein anderer Richter in New York mehrere Anwälte scharf kritisiert, weil sie in ihren Schriftsätzen auf frei erfundene, von KI generierte Gerichtsfälle verwiesen hatten. Die Häufung solcher Vorfälle zeigt: Während Gerichte zunehmend mit KI-generierten Fantasieurteilen konfrontiert sind, bleibt die Verantwortung für deren Überprüfung weiterhin bei den Anwälten – eine Pflicht, der in der Praxis offenbar nicht immer nachgekommen wird.
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