Meine zwei abendlichen Cocktails machten mich angenehm müde. Ich legte mich aufs Sofa und wollte den Schlaf des Gerechten schlafen.
Kaum waren die Augen zu, hörte ich eine Stimme.
„Jörgen.“
Ich öffnete ein Auge.
„Jörgen, ich rede mit dir.“
„Wer bist du denn?“
„Dein Körper. Wir müssen reden.“
Das fing ja gut an.
„Weißt du eigentlich, was du mir gerade mit deinen beiden Cocktails aufgehalst hast? Der Alkohol ist längst im Blut. Deine Leber hat Nachtschicht, dein Gehirn fährt die Leistung herunter und du bildest dir ein, du würdest besonders gut schlafen.“
„Dann schlafe ich wenigstens.“
„Hast du nicht gewusst, dass dein Gehirn im Schlaf den Müll des Tages rausschafft? Da wird aufgeräumt, sortiert und abtransportiert. Erinnerungen werden verarbeitet. Und ausgerechnet während dieser Nachtschicht kippst du Alkohol in den Betrieb. Du bist doch schon vergesslich, oder?“
„Bin ich nicht.“
„Wo liegt dein Hausschlüssel?“
Ich schwieg.
„Es waren nur zwei Cocktails.“
„Natürlich. Zwei. Wie jeden Abend. Bei dir beginnt jede Katastrophe mit dem Wort nur.“
Ich drehte mich auf die andere Seite.
Schon träumte ich vom nächsten Morgen. Vor mir standen Rühreier, knuspriger Bacon, Wurst, Butter und frische Brötchen.
„Jörgen!“
Da war er wieder, mein Körper, der über die Jahre bequem geworden war.
„Was denn jetzt?“
„Bacon, Wurst, Butter. Willst du mich beschäftigen oder ruinieren?“
„Man muss doch frühstücken.“
„Dagegen habe ich nichts. Aber du veranstaltest hier morgens ein Schlachtfest und wunderst dich anschließend, warum du dich fühlst, als müsstest du dich nach dem Frühstück erst einmal ausruhen.“
Ich biss trotzdem im Traum in meinen Bacon.
„Jetzt ist er drin“, sagte mein Körper.
„Und?“
„Jetzt zerlegen wir ihn. Magen und Darm machen sich an die Arbeit. Fett wird verdaut, Gallensäuren helfen dabei, Enzyme spalten die Nährstoffe. Du sitzt währenddessen gemütlich am Tisch und glaubst, Frühstück sei ein gesellschaftliches Ereignis. Für deine Organe ist es Arbeitsbeginn. Und ich kann mich nicht einmal dagegen wehren. Irgendwie tust du mir Gewalt an.“
Ich nahm einen weiteren Bissen.
„Schmeckt aber.“
„Das habe ich nicht bestritten.“
Dann griff ich zum Kaffee.
„Den brauchst du jetzt natürlich auch noch.“
„Ohne Kaffee werde ich morgens nicht wach.“
„Das Koffein blockiert in deinem Gehirn die Stellen, an denen normalerweise das Müdigkeitssignal ankommt. Du beseitigst also nicht die Müdigkeit. Du klebst gewissermaßen ein Stück Hansaplast über die Warnlampe.“
Ich sah meine Tasse an.
„Dann ist Kaffee schlecht für mich?“
„Nein. Kaffee ist Kaffee. Nur deine Behauptung, du seist danach wirklich ausgeschlafen, damit betrügst du dich selbst. Und denk an deinen Blutdruck. Der kann nach dem Kaffee schneller in die Höhe gehen als du vom Stuhl aufstehst.“
Ich trank trotzdem.
Dann griff ich zur Cola.
„Finger weg.“
„Jetzt darf ich nicht einmal mehr Cola trinken?“
„Ein halber Liter davon enthält ungefähr 50 Gramm Zucker. Den kippst du mir innerhalb weniger Minuten hinein. Danach darf deine Bauchspeicheldrüse den Feuerwehreinsatz organisieren. Und dein Blutzucker? Willst du deinen Zuckerstoffwechsel auf Dauer auch noch ruinieren?“
„Trinken doch Millionen Menschen.“
„Millionen Menschen stehen auch im Stau. Deshalb ist Stau noch lange nicht gesund.“
Mittags saß ich gedanklich in der Kantine vor einer herrlichen Portion Spaghetti Carbonara.
„Nein.“
„Was heißt hier nein?“
„Das heißt nein.“
„Spaghetti Carbonara sind italienische Kultur.“
„Für dich vielleicht. Für mich sind sie gerade ein Berg aus Nudeln, Fett und Kalorien. Die Kohlenhydrate werden zu Glukose zerlegt. Fett muss verdaut werden. Die Bauchspeicheldrüse kämpft auch gegen den steigenden Blutzucker. Den ganzen Berg schaufelst du mittags hinein und beschwerst dich anschließend um zwei Uhr, dass du müde bist.“
„Ich dachte immer, das sei das berühmte Mittagstief.“
„Das Mittagstief heißt bei dir Carbonara.“
Nach dem Essen wollte ich mich aufs Sofa legen.
Jetzt meldeten sich offenbar auch noch meine Muskeln.
„Hallo, wir Muskeln wären übrigens auch noch da.“
„Wer?“
„Deine Muskeln. Erinnerst du dich? Die Dinger an Rücken, Armen und Beinen.“
„Was wollt ihr?“
„Benutzt werden.“
„Ich benutze euch doch.“
„Der Gang vom Sofa zum Kühlschrank gilt nicht als Sport.“
Nun wurde mein Körper grundsätzlich.
„Wenn du dich bewegst, arbeiten deine Muskeln nicht nur mechanisch. Sie nehmen Glukose auf und setzen Botenstoffe frei. Herz und Kreislauf werden unterstützt, der Stoffwechsel kommt in Bewegung. Aber wenn du stundenlang auf dem Sofa liegst, warten wir hier vergeblich.“
„Ich bewege wenigstens den Daumen.“
„Fernbedienung zählt ebenfalls nicht.“
Also schaltete ich den Fernseher ein.
Das war offenbar der nächste Fehler.
Eine politische Talkshow lief.
Plötzlich meldete sich mein Magen.
„Mach das aus.“
„Warum denn?“
„Weil mir das auf den Magen schlägt.“
„Das sagt man doch nur so.“
„Nicht ganz. Du hörst dir eine Stunde lang Leute an, die sich gegenseitig anschreien. Du regst dich auf. Dein Puls steigt. Dein Körper schaltet auf Stress. Und anschließend wunderst du dich, warum ich sauer bin und du nachts schlecht schlafen kannst. Du nimmst doch schon Tabletten gegen Magensäure, oder?“
Nun meldete sich auch mein Kopf.
„Und wer denkt eigentlich für dich mit?“
„Was soll das heißen?“
„Bei jedem Satz in der Talkshow muss ich prüfen: Stimmt das? Ist das gelogen? Habe ich das nicht gestern ganz anders gehört? Dann suche ich in deinem Gedächtnis nach alten Informationen, vergleiche sie mit dem neuen Zeug und versuche herauszufinden, wer gerade Unsinn erzählt.“
„Dafür bist du doch da.“
„Natürlich. Aber du sitzt auf dem Sofa und nennst das Entspannung. Für mich ist das eine Abendschicht.“
Auf dem Bildschirm redeten inzwischen drei Leute gleichzeitig.
„Jetzt soll ich auch noch drei Meinungen gleichzeitig sortieren“, sagte mein Kopf. „Einer behauptet etwas, der andere widerspricht, der Dritte erklärt beide für ahnungslos. Und ich darf dauernd entscheiden: wahr, falsch, vielleicht, weiß ich nicht.“
„Das nennt man politische Bildung.“
„Ich nenne es Überstunden“, sagte mein Gehirn.
Ich schaltete um.
Nachrichten.
„Auch nicht besser“, sagte der Magen. Er wollte bemitleidet werden.
„Schon die Sache mit der Wahl geht mir auf den Magen. Und sie steckt dir dann auch noch in den Knochen.“
„Moment“, sagte ich. „Jetzt erzählt mir bloß nicht, dass meine Knochen auch Nachrichten schauen.“
„Nein“, sagte mein Körper. „Aber dauernder Stress erhöht die Muskelspannung. Angst und Anspannung können dich körperlich so in den Griff nehmen, dass du dich tatsächlich wie gerädert fühlst. Eure Sprichworte sind manchmal klüger, als ihr denkt.“
Schon kam die nächste Nachricht, eine Horrormeldung vom bevorstehenden Weltuntergang.
„Das kann doch nicht wahr sein!“
Mein Herz pochte.
„Was denn jetzt schon wieder?“
„Nimm dir das nicht so zu Herzen.“
„Sehr witzig.“
„Überhaupt nicht. Wenn du dich aufregst, kann dein Herz tatsächlich schneller schlagen. Dein Körper macht zunächst keinen Unterschied zwischen einem Säbelzahntiger vor der Höhle und einer Katastrophenmeldung auf deinem Handy. Stress ist erst einmal Stress.“
Ich legte das Telefon weg.
Zwei Minuten später nahm ich es wieder in die Hand.
„Da ist er wieder“, sagte mein Herz.
„Wer?“
„Der Säbelzahntiger.“
Die nächste Meldung ging mir echt unter die Haut.
Prompt meldete sich die Haut.
„Lass mich da raus.“
„Jetzt redet meine Haut auch noch?“
„Natürlich. Ihr Menschen sagt doch ständig, etwas gehe euch unter die Haut. Bei Aufregung verändern sich Durchblutung und Schweißproduktion. Ihr werdet blass, rot oder bekommt eine Gänsehaut. Ich bin eure Außenstelle für innere Zustände.“
Ich las weiter.
Nach der dritten Nachricht bekam ich einen dicken Hals.
„Entschuldigung“, sagte plötzlich eine Stimme aus der Gegend meines Kehlkopfs.
„Nicht du auch noch.“
„Doch. Einen sprichwörtlich dicken Hals bekommst du vor Ärger.“
Dann kam auf Facebook eine Meldung, bei der mir die Spucke wegblieb.
„Hallo“, sagte mein Mund.
„Ich weiß schon. Wieder nur eine Redensart.“
„Diesmal gar nicht so schlecht. Bei Stress kann der Speichelfluss abnehmen. Deshalb bekommen Menschen vor Prüfungen, Reden oder unangenehmen Gesprächen einen trockenen Mund.“
Ich legte das Handy endgültig weg.
„Ihr seid heute aber sehr gesprächig.“
„Wir waren immer gesprächig“, sagte mein Körper. „Du hast nur nie zugehört.“
Am Nachmittag machte ich mir Kopfzerbrechen.
Diesmal wartete ich schon auf die Meldung.
Sie kam prompt.
„Bevor du fragst“, sagte mein Kopf, „ich zerbreche schon nicht.“
„Schade. Wenigstens eine Redensart hätte einfach nur eine Redensart sein können.“
„Aber Stress, zu wenig Schlaf, Flüssigkeitsmangel und Verspannungen können Kopfschmerzen fördern. Vielleicht könntest du mich gelegentlich anders beschäftigen als mit Katastrophenmeldungen.“
„Kreuzworträtsel?“
„Für den Anfang wäre schon frische Luft ein Fortschritt.“
Also ging ich hinaus.
Nach zehn Minuten Spaziergang meldeten sich die Muskeln.
„Na also.“
„Was na also?“
„Wir arbeiten.“
„Ich gehe nur spazieren.“
„Für dich ist es ein Spaziergang. Für uns sind es tausende Muskelbewegungen. Dabei nehmen wir Glukose auf, der Kreislauf kommt in Schwung und wir schicken sogar Botenstoffe durch deinen Körper.“
„Meine Muskeln verschicken Botschaften?“
„Den ganzen Tag. Nur bekommst du davon nichts mit.“
„Siehst du. Ich lerne.“
Nach zwanzig Minuten wurde mir warm.
„Jetzt arbeitet auch noch die Klimaanlage“, sagte meine Haut.
„Welche Klimaanlage?“
„Schweiß. Wasser verdunstet auf deiner Haut und entzieht dem Körper Wärme. Seit ein paar Millionen Jahren bewährt. Ganz ohne App.“
Langsam gefiel mir die Sache.
Mein Körper war offensichtlich komplizierter, als ich gedacht hatte.
Zu Hause öffnete ich den Kühlschrank.
Ein Stück Torte stand darin.
Es war ganz still.
Verdächtig still.
„Na?“, fragte ich.
Keine Antwort.
Ich nahm den Teller heraus.
„Ich höre euch.“
Schweigen.
Ich setzte die Gabel an.
Da sagte die Bauchspeicheldrüse:
„Wir haben demokratisch beschlossen, nicht jeden Unsinn zu kommentieren.“
„Also darf ich?“
„Wir können dich nicht hindern.“
„Das klingt nicht begeistert.“
„Jörgen, wir sind Organe, keine Gefängniswärter.“
Ich aß die Torte.
Sie schmeckte ausgezeichnet.
„Und?“
Mein Körper schwieg.
Nach einer Weile sagte er:
„Genuss gehört übrigens auch zum Leben.“
Das überraschte mich.
„Das sagst ausgerechnet du?“
„Natürlich. Wir wollen keinen Heiligen aus dir machen. Nur keinen Vollidioten.“
Damit konnte ich leben.
Offenbar war mein Körper aber noch nicht fertig mit mir.
Später geriet ich mit jemandem am Telefon in die Haare.
„Jetzt reicht es“, sagte ich und wollte zurückschießen.
„Lass den Ball liegen“, sagte plötzlich meine Seele.
„Wer bist du denn jetzt?“
„Deine Seele. Du hast ja lange genug gebraucht, mich zu bemerken.“
„Welchen Ball soll ich liegen lassen?“
„Den, den man dir gerade zugeworfen hat. Du musst nicht jeden zurückwerfen. Nicht auf jeden Angriff reagieren. Nicht jedes falsche Wort korrigieren. Nicht jeden Streit gewinnen.“
„Aber wenn der andere Unrecht hat?“
„Dann kann er auch mit seinem Unrecht nach Hause gehen. Dafür musst du nicht jedes Mal deinen ganzen Körper in Alarmbereitschaft versetzen.“
Ich wurde still.
„Jeder Streit bringt hier alles auf Spannung“, sagte meine Seele. „Der Puls steigt, die Muskeln spannen sich an und dein Kopf führt das Gespräch noch Stunden später weiter. Du liegst nachts im Bett und grübelst über Gott und die Welt.“
Das kannte ich.
„Und was soll ich tun?“
„Manchmal einfach Frieden geben. Der ist Balsam für mich.“
Ich schwieg.
„Und noch etwas“, sagte meine Seele. „Die Menschen um dich herum sind durstig.“
„Nach Wasser?“
„Nach Anerkennung. Nach einem guten Wort. Danach, dass jemand sieht, was sie leisten.“
„Das wollen doch alle.“
„Eben.“
Meine Seele machte eine Pause.
„Und wenn du einem Menschen diese Anerkennung geben könntest und sie trotzdem zurückhältst, dann bist du wie die Feuerwehr, die neben einem brennenden Haus steht und das Wasser im Tank lässt.“
„Ich kann doch nicht jeden loben.“
„Musst du nicht. Aber wenn es etwas anzuerkennen gibt, dann sag es. Ein ehrliches gutes Wort kostet dich fast nichts. Der andere trägt es vielleicht den ganzen Tag im Kopf mit sich herum, weil du ihn damit glücklich gemacht hast.“
„Und mir bringt das was?“
„Probier es aus. Wer anderen etwas Wärme gibt, sitzt selten selbst völlig in der Kälte.“
Am Abend saß ich wieder auf dem Sofa.
Vor mir stand diesmal kein Cocktail, sondern ein Glas Mineralwasser.
Ich schaltete die Nachrichten ein.
Nach fünf Minuten sagte mein Magen:
„Jörgen.“
„Ich weiß.“
Ich schaltete aus.
Dann meldete sich mein Körper noch einmal.
„Siehst du, Jörgen, ich verlange gar nicht viel. Weniger Alkohol. Weniger Zucker. Etwas weniger von allem, was du mir tonnenweise hineinschaufelst. Dafür ordentliches Essen, Wasser, Bewegung, etwas Frieden mit deinen Mitmenschen und gelegentlich Ruhe im Kopf.“
„Und dann bist du zufrieden?“
„Ich wäre schon zufrieden, wenn du mich behandeln würdest wie dein Auto.“
„Wie mein Auto?“
„Natürlich. Da achtest du auf das richtige Öl, kontrollierst den Reifendruck, lässt die Bremsen prüfen und fährst sofort in die Werkstatt, sobald irgendwo ein Lämpchen blinkt.“
Ich schwieg.
„Bei mir“, fuhr mein Körper fort, „leuchten seit Jahren sämtliche Warnlampen und du fragst dich, ob noch ein Cocktail geht.“
Ich nahm einen Schluck Mineralwasser.
Aus meinem Bauch kam ein zufriedenes Gluckern.
Dann hörte ich eine leise Stimme.
„Geht doch.“
Ich stand auf und ging in die Küche.
Ich öffnete den Kühlschrank, um zu prüfen, ob das Licht noch brennt.
Hinter mir sagte die Bauchspeicheldrüse:
„Jörgen.“
Ich schloss die Tür wieder.








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