In Frankreich kommt die Epstein-Affäre nicht zur Ruhe. Wie Le Parisien berichtet, haben sich bei der Pariser Staatsanwaltschaft rund zehn neue mutmaßliche Opfer gemeldet. Insgesamt stehen nach Angaben von Staatsanwältin Laure Beccuau inzwischen etwa 20 Frauen im Kontakt mit den Ermittlern. Die zentrale Frage lautet: Wie konnte Jeffrey Epstein seine Verbrechen offenbar auch in Frankreich vorbereiten, organisieren oder fortsetzen?
Der Fall ist brisant, weil er nicht nur den toten US-Milliardär betrifft. In den französischen Ermittlungen geht es um ein mögliches Umfeld aus Vermittlern, Modelagenten, Finanzkontakten und Helfern. Beccuau will nach eigenen Angaben zunächst die Beziehungen zwischen Epstein und den mutmaßlichen französischen Protagonisten seines Netzwerks genauer rekonstruieren. Erst danach sollen Beschuldigte vernommen werden.
Im Mittelpunkt steht erneut Jean-Luc Brunel. Der französische Modelagent galt als enger Vertrauter Epsteins. Er wurde 2020 festgenommen, stand wegen Vorwürfen rund um Vergewaltigung Minderjähriger und sexueller Belästigung im Fokus und wurde 2022 tot in seiner Zelle im Pariser Gefängnis La Santé gefunden. Offiziell war es Suizid. Doch der Brunel-Komplex ist damit nicht erledigt: Die Pariser Staatsanwaltschaft lässt den alten Ermittlungsstoff vollständig neu auswerten.
Französische Medien berichten von schweren Vorwürfen. Laut Le Parisien hatten Ermittler zusammengetragen, Brunel habe jungen, armen Mädchen Modeljobs angeboten und sich in den USA, auf den US-Jungferninseln, in Paris und Südfrankreich an Minderjährigen vergangen haben sollen. Mehrere Frauen schilderten demnach Alkohol, Gedächtnisverlust und sexuelle Übergriffe. Le Monde spricht in diesem Zusammenhang von Mustern chemischer Unterwerfung und einer Atmosphäre sexueller Gewalt im Modelmilieu.
Auch der Name Gérald Marie taucht wieder auf. Der frühere Europa-Chef der Modelagentur Elite wurde bereits in früheren Verfahren mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert; Ermittlungen wurden 2023 wegen Verjährung eingestellt. Marie weist die Vorwürfe über seine Anwältin zurück. Doch im März forderten 15 frühere Models neue Ermittlungen gegen ihn. Nach TF1 Info wollen sie Belege für Verbindungen zwischen Gérald Marie, Brunel und Epstein liefern.
Damit rückt ein System in den Blick, das lange zu bequem übersehen wurde: junge Frauen, große Versprechen, internationale Modelagenturen, Partys, Reisen, reiche Männer und eine Branche, in der Abhängigkeit oft als Karrierechance verkauft wurde. Epstein brauchte nicht nur Geld und Privatjets. Er brauchte Zugänge. Menschen, die Türen öffneten. Menschen, die Mädchen und junge Frauen in Situationen brachten, aus denen sie schwer wieder herauskamen.
Die neue französische Ermittlungswelle ist deshalb mehr als ein Nachklapp zu einem US-Skandal. Paris war für Epstein offenbar nicht nur Luxusadresse. Es war ein Teil seines europäischen Bewegungsraums. Die Ermittler werten nun Computer, Telefonkontakte, Adressbücher, alte Akten und neue Zeugenaussagen aus. Dazu kommen die massenhaft veröffentlichten US-Dokumente, die Frankreich nach Jahren der Bruchstücke ein größeres Bild liefern könnten.
Juristisch bleibt Vorsicht nötig. Viele Vorwürfe sind alt, manche verjährt, manche betreffen Tote, manche Beschuldigte bestreiten alles. Aber politisch und moralisch ist die Frage kaum zu verdrängen: Warum musste erst Jahre nach Epsteins Tod eine neue Aktenlawine kommen, damit Frankreich die eigene Spur noch einmal so breit aufrollt?
Wenn die Aussagen der Frauen stimmen, dann war das Modelmilieu nicht nur eine Kulisse, sondern eine Pipeline. Eine glänzende Oberfläche für ein System aus Ausbeutung, Schweigen und mächtigen Kontakten. Genau diese Frage muss Paris jetzt beantworten: Wer hat Epstein in Frankreich geholfen – und wer hat zu lange weggesehen?






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