Deutschlands Neuwagenmarkt kippt schneller in Richtung Elektro, als es die Krise der heimischen Hersteller vermuten lässt. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts, aufbereitet vom ADAC, wurden im Juni 84.057 reine Elektroautos neu zugelassen. Das waren 78,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat und 28,4 Prozent aller neuen Pkw. Damit lag der reine Elektroantrieb erstmals vor jeder einzelnen anderen Antriebsart.
Die Juli-Zahlen liegen noch nicht vor. Der Juni ist deshalb der aktuellste amtlich ausgewertete Monat. Insgesamt kamen 296.378 neue Pkw auf die Straße, 15,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Reine E-Autos lagen vor klassischen Hybriden mit 83.315 Fahrzeugen, Benzinern mit 60.796 und Dieseln mit 33.862 Zulassungen. Benziner und Diesel zusammen kamen allerdings weiterhin auf 94.658 Fahrzeuge. Wer behauptet, der Verbrenner sei bereits vollständig geschlagen, rechnet sich den Markt also zu schön.
Über das erste Halbjahr wurden 368.006 reine E-Autos neu zugelassen. Das entspricht einem Plus von 48 Prozent. Der durchschnittliche Marktanteil lag bei 24,5 Prozent. Gleichzeitig verloren Benziner im Halbjahr 18,2 Prozent und Diesel 8,6 Prozent. Im Juni allein betrug das Minus 16,8 beziehungsweise 5,1 Prozent. Die Richtung ist eindeutig: Der klassische Antrieb schrumpft, während der Elektroabsatz durch ein größeres Modellangebot und die neue Förderung kräftig angeschoben wird. Der VDA weist zugleich darauf hin, dass der gesamte deutsche Neuwagenmarkt trotz des Juni-Plus noch rund 20 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von 2019 liegt.
Bei den Marken bleibt das Bild widersprüchlich. Über die vergangenen zwölf KBA-Monate führte Volkswagen den deutschen Markt für reine E-Autos mit 99.055 Zulassungen und 15 Prozent Anteil an. Dahinter folgten Škoda mit 65.066 Fahrzeugen und BMW auf Platz drei. Auch bei den Modellen ist der VW-Konzern stark: ID.3, Škoda Elroq, Škoda Enyaq und ID.7 gehören zur Spitzengruppe. Im Juni setzte sich jedoch das Tesla Model Y mit 6.023 Neuzulassungen an die Spitze der einzelnen E-Modelle.
Die eigentliche Warnung für die deutschen Hersteller steckt in den Wachstumsraten der ausländischen Konkurrenz. Tesla steigerte seine gesamten deutschen Neuzulassungen im Juni gegenüber dem schwachen Vorjahresmonat um 317,6 Prozent, BYD um 273,7 Prozent. Im Halbjahr lagen die Zuwächse bei 224,6 beziehungsweise 315,2 Prozent. Tesla erreichte im Juni 2,6 Prozent des gesamten Pkw-Marktes, BYD 2,1 Prozent. Bei BYD kommt hinzu, dass der Seal U bereits das meistzugelassene Plug-in-Hybridmodell des Monats war. Chinesische Hersteller erreichten nach Branchenangaben zusammen 4,6 Prozent Marktanteil. Noch ist das kein Durchmarsch, aber es ist längst mehr als ein Nischenphänomen.
Die deutschen Marken sind auf ihrem Heimatmarkt also keineswegs verschwunden. VW führt bei reinen E-Autos, BMW wächst bei den Gesamtzulassungen, und der Volkswagen-Konzern besetzt mit mehreren Modellen die vorderen Plätze. Doch starke Zulassungszahlen in Deutschland lösen das Grundproblem nicht. F-NEWS hat den Stellenabbau, die Gewinneinbrüche und die verlorenen Auslandsmärkte bereits zusammengefasst. Zuletzt brach auch der BMW-Gewinn um 35 Prozent ein. Entscheidend ist nicht nur, wer in Deutschland verkauft, sondern wer weltweit Kosten, Batterien, Software und Lieferketten beherrscht.
Für Käufer ergibt sich ein gespaltenes Bild. Der Verbrenner ist noch nicht tot und bleibt gemeinsam gezählt stärker als der reine Elektroantrieb. Doch Benzin und Diesel verlieren Monat für Monat, während der Wettbewerb bei E-Autos härter wird. Das hilft den Kunden durch mehr Auswahl und Preisdruck. Für Mercedes, BMW und VW wird es dagegen ungemütlich: Sie müssen gleichzeitig ihre alten Werke finanzieren, den Verbrenner verwalten und gegen Tesla sowie immer aggressiver auftretende chinesische Anbieter bestehen. Der deutsche Markt hält ihnen noch den Rücken frei. Auf Dauer reicht Heimvorteil nicht.








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