Die nächste deutsche Traditionsbrauerei ist insolvent. Die Gräflich zu Stolberg’sche Brauerei Westheim GmbH hat beim Amtsgericht Bielefeld ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Das Gericht ordnete die vorläufige Eigenverwaltung an. Produktion, Abfüllung und Auslieferung laufen zunächst weiter.
Das Familienunternehmen braut seit mehr als 160 Jahren und beschäftigt 58 Mitarbeiter sowie zwei Auszubildende. Als Grund nennt die Geschäftsleitung einen tiefgreifenden Wandel der deutschen Brauwirtschaft: Der Bierkonsum sinkt, die Gewohnheiten der Kunden verändern sich und der Druck auf Kosten und Effizienz wächst.
Westheim ist kein Einzelfall. Nach einer Auswertung der seit Jahresbeginn öffentlich bekannt gewordenen Verfahren haben 2026 bereits mindestens acht deutsche Brauereibetriebe oder Brauereigesellschaften Insolvenz beantragt: Leikeim in Altenkunstadt im Januar, die Mauritius-Brauerei in Zwickau im März, Lohrmanns in Dresden im April, Hofbrauhaus Wolters in Braunschweig im Juni, die Schussenrieder Brauerei Ott und die Aktienbrauerei Kaufbeuren ebenfalls im Juni, die Colbitzer Heide-Brauerei im Juli und nun Westheim. Die Aufzählung ist keine amtliche Gesamtstatistik und kann kleinere Verfahren unberücksichtigt lassen.
Die Folgen reichen längst über Sanierungsverfahren hinaus. Die bereits seit Ende 2025 insolvente Mannheimer Eichbaum-Brauerei kündigte im Juli die Einstellung des Betriebs an, nachdem die Rettung gescheitert war. Auch traditionsreiche Standorte wie Bischofshof in Regensburg, Irlbach in Niederbayern und die Privatbrauerei Lang in Jandelsbrunn wurden geschlossen. Die Scherdel-Brauerei in Hof soll Ende 2026 dichtmachen.
Hinter der Serie steht ein schrumpfender Markt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank der Bierabsatz 2025 um sechs Prozent oder 497 Millionen Liter auf rund 7,8 Milliarden Liter. Es war der stärkste Rückgang seit Beginn der Statistik im Jahr 1993 und erstmals fiel der Absatz unter acht Milliarden Liter. Gegenüber 2015 fehlen inzwischen 1,8 Milliarden Liter.
Der Abwärtstrend hält an. Bis Mai 2026 wurden nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes nochmals mehr als fünf Prozent weniger Bier verkauft als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig belasten hohe Energie-, Rohstoff-, Logistik- und Personalkosten die Betriebe. Besonders regionale Mittelständler geraten zwischen sinkenden Mengen, aggressiven Rabattaktionen großer Marken und einer schwachen Gastronomie unter Druck.
Alkoholfreies Bier wächst, kann den Einbruch beim klassischen Bier aber nicht ausgleichen. Brauer-Bund-Geschäftsführer Holger Eichele spricht deshalb nicht mehr von einer Absatzdelle, sondern von einer „echten Zäsur“. Westheim will das Eigenverwaltungsverfahren zur Sanierung nutzen. Wie vielen der betroffenen Brauereien das gelingt, ist offen.
Quellen: t-online, Statistisches Bundesamt, INDat/PLUTA, Lohrmanns, BR24 und Tagesschau.



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