Wer dachte, die zunehmende Verachtung gegenüber staatlichen Institutionen schlage sich nur in Meinungsumfragen nieder, wird durch aktuelle Zahlen aus dem Bundestag eines Besseren belehrt: Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht, stieg die Zahl der Polizeibeamten, die Opfer von Gewaltdelikten wurden, von 79.191 im Jahr 2018 auf 106.875 im Jahr 2024 — ein Anstieg von rund 35 Prozent in sechs Jahren. Zum Vergleich: 2013 lag die Zahl noch bei 59.044 Opfern.
Die erfassten Delikte reichen dabei von Mord und Totschlag über gefährliche Körperverletzung bis zu Nötigung, Bedrohung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Auch Feuerwehrangehörige (1.012 Opfer im Jahr 2024) und sonstige Rettungskräfte (2.916) sind betroffen, wenngleich die Polizei mit Abstand die größte Opfergruppe stellt.
Nicht viel besser sieht es im öffentlichen Nahverkehr aus. Die Deutsche Bahn verzeichnete 2025 mehr als 3.000 Angriffe und rund 15.000 verbale Übergriffe auf ihr Personal — mehr als doppelt so viele wie noch 2014. Einen mörderischen Tiefpunkt markierte der tödliche Angriff auf Zugbegleiter Serkan Çalar am 2. Februar 2026. Auch Lehrkräfte, Mitarbeiter in Jobcentern, Finanzämtern und Ordnungsämtern melden eine deutliche Zunahme an Übergriffen.
Die Bundesregierung benennt in ihrer Antwort mehrere Ursachen: ein polarisiertes gesellschaftliches Klima, wirtschaftliche Abstiegsängste, sinkende Impulskontrolle in Konfliktsituationen sowie eine generell gestiegene Gewaltkriminalität, in deren Windschatten auch die Angriffe auf Staatsbedienstete zunehmen. Was klingt wie eine soziologische Pflichtübung, ist de facto ein Eingeständnis: Der Staat schützt seine eigenen Leute kaum und liefert für die Gesellschaftsdiagnose keine Lösungen, die über Aufklärungsvideos in sozialen Medien hinausgehen.
Ein Referentenentwurf des Justizministeriums vom Dezember 2025 sieht härtere Strafrahmen bei Widerstandsdelikten und eine schärfere Strafzumessungsregel bei Angriffen auf Personen vor, die für das Gemeinwohl tätig sind. Ob das reicht, um den Trend umzukehren, darf bezweifelt werden — zumal die Regierung gleichzeitig einräumt, dass sie über keine eigene Statistik für Bundesbedienstete verfügt und das tatsächliche Dunkelfeld der Übergriffe auf rund 70 Prozent geschätzt wird. Mit anderen Worten: Die sichtbare Spitze des Eisbergs ist bereits dramatisch — was darunter liegt, weiß niemand so genau.
Da die Grünen ihre Anfrage entsprechend formuliert haben, redet man einmal mehr an der Hauptursache für den dramatischen Anstieg vorbei und wundert sich dann bei den nächsten Wahlen über die Ergebnisse.
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