Es gibt wenige politische Biografien, die so viel über die Abgründe der Macht erzählen wie die von Viktor Orbán. Der Mann, der 1989 auf dem Budapester Heldenplatz den sofortigen Abzug der sowjetischen Besatzer forderte und damit eine ganze Nation elektrisierte, hat gerade seine erste Wahlniederlage seit 16 Jahren kassiert — und dabei eine Geste vollzogen, die vielen Beobachtern die Sprache verschlug: Er rief seinen Herausforderer Péter Magyar an, gratulierte ihm persönlich und gestand öffentlich eine „schmerzvolle“ Niederlage ein. Wer einen erbitterten Autokraten erwartet hatte, der die Auszählung anficht und Brüsseler Verschwörungen beschwört, sah stattdessen einen Mann, der die Spielregeln der Demokratie — zumindest in diesem Moment — respektierte. Wie Tagesspiegel berichtet, erzielte Magyars Tisza-Partei 53,6 Prozent und sicherte sich eine Zweidrittelmehrheit im Budapester Parlament.
Orbán fügte hinzu: „Wir werden niemals, niemals, niemals aufgeben.“ Das klingt wie eine Drohung — und ist vielleicht genau das. Aber Drohungen sind nicht dasselbe wie Wahlbetrug. Wer einen echten Autokraten sucht, sollte nicht nach Budapest schauen, eher auf Brüssel und die auf merkwürdige Weise zu ihrem Amt gekommene Ursula von der Leyen.
Am 16. Juni 1989 stand der damals 26-jährige Jurastudent mit einer Vokuhila-Frisur vor vier silbernen Mikrofonen auf dem Heldenplatz. Anlass war die feierliche Umbettung des 1958 hingerichteten Reformkommunisten Imre Nagy. Orbán sprach als Vertreter der Universitätsjugend — und brach sämtliche roten Linien, die das Regime in drei Jahrzehnten gezogen hatte. Er forderte freie Wahlen und den unverzüglichen Abzug der sowjetischen Truppen. Die Rede wurde live im staatlichen Fernsehen übertragen. Über Nacht war er der bekannteste junge Politiker des Landes. Das Stipendium für seinen anschließenden Oxford-Aufenthalt stellte übrigens George Soros bereit — ein Detail, das später noch eine gewisse ironische Bedeutung bekommen sollte.
Fidesz, die Partei, die Orbán 1988 mitgegründet hatte, begann als radikal-liberale Protestorganisation. Mitglied konnte nur werden, wer nicht älter als 35 war. Noch Anfang der 1990er Jahre kritisierten Fidesz-Abgeordnete scharf die nationalistischen Tendenzen der damaligen Regierung, die sie für „rückwärtsgewandt“ hielten. Die Partei war Mitglied der Liberalen Internationale. Dann verlor Fidesz 1994 haushoch. Orbáns Reaktion war kalt und kalkuliert: Die Partei wurde systematisch nach rechts verschoben — ideologisch, rhetorisch, organisatorisch. 1998 gewann er als national-konservativer Kandidat die Wahl und wurde erstmals Ministerpräsident. 2002 verlor er knapp — und wanderte weiter nach rechts. 2010 kehrte er mit einer Zweidrittelmehrheit zurück.
Was dann folgte, war der eigentliche Systemwechsel. Medien kamen unter politischen Einfluss, die Justiz wurde umgebaut, das Wahlrecht zu Fidesz‘ Gunsten neu gestaltet, die Verfassung mehrfach verändert. Im Sommer 2014 verkündete Orbán offen, was er anstrebte: keinen liberalen Staat, sondern einen „illiberalen“ — nach dem Vorbild von Russland, China und der Türkei. Und ausgerechnet im November 2015 warf er seinem einstigen Förderer Soros vor, mit seiner Stiftung eine Völkerwanderung zu finanzieren. Will man Orbáns politische Wandlung einordnen, muss man die damalige dramatische Entwicklung berücksichtigen, der er sich energisch widersetzt hat, um Ungarn vor der Massenmigration zu bewahren.
Es wäre unehrlich, Orbáns wirtschaftspolitische Verdienste totzuschweigen. Das Steuersystem wurde radikal vereinfacht: eine Flat Tax von 15 Prozent auf Einkommen, eine Körperschaftsteuer von 9 Prozent — der niedrigste Satz in der gesamten EU, eingeführt 2017. Arbeitnehmer zahlen 18,5 Prozent Sozialabgaben, Arbeitgeber 13 Prozent. Ungarn zog damit massiv ausländische Direktinvestitionen an — vor allem aus der deutschen Automobilindustrie, die Werke verlagerte, während Deutschland selbst seine Industrie durch Regulierungswut und Energiepolitik vertrieb. Viele Deutsche zogen gleich mit. Orbán schuf das unternehmerische Umfeld, das andere europäische Länder mit Lippenbekenntnissen verwalten.
Er hielt Ungarns Grenzen dicht, als 2015 der Kontinent über Migrationspolitik stritt. Er verweigerte die Zustimmung zu EU-Quoten. Er blockierte Brüsseler Beschlüsse, die seiner Bevölkerung schadeten. Er verhandelte Ausnahmen bei den Russland-Sanktionen, die Ungarns Energieversorgung sicherten, während Deutschland seinen Gaspreis verdreifachte. Und er bewahrte Ungarn vor dem ideologischen Gender-Umbau, dem andere europäische Länder widerstandslos nachgaben. Für einen beträchtlichen Teil seiner Wählerschaft war das kein Autoritarismus — das war Regieren.
Aber Ungarn ist auch das Land, in dem Krankenhausdecken einstürzten, während operiert wurde. Das Land, in dem gut ausgebildete junge Menschen massenweise auswanderten — nach Wien, nach Berlin, nach London — weil ihnen Perspektiven fehlten, die nichts mit Steuersätzen zu tun haben. Die Körperschaftsteuer von 9 Prozent nützt wenig, wenn der Staat daneben mit 27 Prozent Mehrwertsteuer — dem höchsten Satz in der gesamten EU — jeden Einkauf belastet. Das ist kein Steuerparadies. Das ist Umverteilung von unten nach oben, verkleidet als Liberalismus.
Das „Nationale Kooperationssystem“ (NER) war in der Praxis ein Netzwerk aus Fidesz-loyalen Unternehmern, die bevorzugt EU-Fördergelder absorbierten. Ausländische Unternehmen wurden mit Sonderabgaben belegt, während regierungsnahe Oligarchen wuchsen. Gleichzeitig verlor Ungarn durch den Dauerkonflikt mit Brüssel Milliarden an eingefrorenen EU-Mitteln, die dem Land für Infrastruktur und Bildung fehlten. Unternehmensinvestitionen brachen 2024 um 11,3 Prozent ein. Die Jugend sah: Wer nach oben will, muss entweder im System sein oder das Land verlassen.
Dass diese Wahl nicht nur eine ungarische war, machte niemand großartig geheim. Brüssel fror Milliarden an Ungarn zustehenden Mitteln ein — offiziell wegen Rechtsstaatsbedenken, praktisch als politischer Hebel. Jan Mainka, Chefredakteur der Budapester Zeitung, nannte das beim Namen: „Nackte Erpressung.“ Das sind keine Almosen, sondern Gelder, die Ungarn im Rahmen des europäischen Gesamtgefüges zustehen, wie Tichys Einblick dokumentiert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kommentierte das Wahlergebnis noch am Sonntagabend und schrieb, Ungarn habe sich „für die EU entschieden“ — als hätte Brüssel auf diesen Moment gewartet, um das Ergebnis sofort als eigenen Sieg zu verbuchen.
Auch aus Washington kam man nicht ohne Empfehlung. US-Vizepräsident J.D. Vance reiste kurz vor der Wahl nach Budapest, stellte sich demonstrativ hinter Orbán und attackierte seinerseits die EU wegen der einbehaltenen Milliarden als „Erpressung“. Gleichzeitig reisten EVP-Chef Donald Tusk und Bundeskanzler Friedrich Merz symbolisch für Magyar auf die Bühne. Beide Seiten hatten ihre Kandidaten. Wer hinterher behauptet, es sei eine rein innenpolitische Angelegenheit gewesen, lügt.
Orbán verlor trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb: Weil 16 Jahre Macht, Medienkontrolle und NER-Netzwerk am Ende an der eigenen Realität gescheitert sind — an Inflation, stagnierendem Wachstum, Korruption und dem Gefühl einer ganzen Generation, dass das Land für sie keine Zukunft bereithält. Magyar gewann nicht wegen Brüssel. Er gewann, weil die Ungarn selbst entschieden hatten, dass es reicht.
Und Orbán? Er rief an, gratulierte, und sagte, er werde niemals aufgeben. Das ist kein Tyrann, der mit dem Hubschrauber flieht. Das ist ein Politiker, der verloren hat und eine bessere Figur macht, als seinerzeit Gerhard Schröder oder Donald Trump 2020.
Quellen: Tagesspiegel | Tichys Einblick | Euronews | xpert.digital | wir-in-ungarn.hu | Pester Lloyd
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