Springer & Co: Mainstream-Medien lassen ihre Leser von Palantir durchleuchten

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Wer heute eine Nachrichtenseite besucht und einfach nur liest, ohne sich zu registrieren, gilt in den Chefetagen amerikanischer Verlagshäuser mittlerweile als Problemfall. Das geht aus internen Unterlagen hervor, über die Reclaim The Net berichtet: USA TODAY Co., Mutterkonzern von mehr als 200 US-Lokalzeitungen sowie des nationalen Flaggschiffs USA TODAY, hat den umstrittenen Datenanalyse-Konzern Palantir engagiert, um die Anonymität der eigenen Leserschaft systematisch aufzulösen.

Was das konkret bedeutet, formulierte Konzernchef Mike Reed selbst beim Quartalsbericht für das zweite Quartal 2026 gegenüber Investoren. „Jeder Besuch, jede Sitzung und jeder Moment der Aufmerksamkeit erzeugt ein Signal“, erklärte Reed, und wenn man diese Signale miteinander verknüpfe, würden daraus „actionable intelligence“ – verwertbare Erkenntnisse. Ziel der Zusammenarbeit mit Palantir sei der Aufbau einer „gemeinsamen Intelligence-Schicht, die unser Publikum, unsere Inhalte und unsere First-Party-Daten miteinander verbindet“.

Besonders aufschlussreich ist, wie das Unternehmen jene Leser einordnet, die einfach nur einen Artikel öffnen, lesen und wieder gehen, ohne ihre Identität preiszugeben. In den Investoren-Unterlagen heißt es wörtlich, man verlagere den Fokus weg von „one-and-done“-Traffic, weil dieser zwar zur Zählung eindeutiger Besucher beitrage, „letztlich aber unser am wenigsten wertvolles und am wenigsten monetarisierbares Publikum“ darstelle. Anonymität ist in dieser Logik kein Recht, sondern ein Defekt, den man mit den richtigen Werkzeugen behebt.

USA TODAY Co. steht mit diesem Kurs keineswegs allein da. Der Axel-Springer-Konzern, zu dem Business Insider, Politico, Bild und The Telegraph gehören, hat einen vergleichbaren Deal abgeschlossen. Palantir selbst wirbt damit, dem deutschen Medienhaus „granulare Einblicke in das Leserverhalten“, die Werbeleistung und die Abo-Modelle verschafft zu haben. Auch Fox News unterhält ein eigenes Palantir-Arrangement, und Thomson Reuters beliefert den Konzern ebenfalls mit Daten – jenen Konzern, der zugleich als zentraler Datenpartner der US-Einwanderungsbehörde ICE bekannt ist.

Alles bleibt „unsere Daten“ – nur eben nicht anonym

Auf die naheliegende Sorge, wonach sensible Leserdaten an einen Rüstungs- und Überwachungstechnologie-Konzern abfließen könnten, reagiert USA TODAY Co. mit der immer gleichen Formel: Es verlasse nichts das Haus. „Alle unsere Daten bleiben unsere Daten“, so Reed, der die Kooperation als Abkürzung verkauft, um Software zu nutzen, deren Eigenentwicklung Jahre gekostet hätte. Gegenüber Nieman Lab, das die internen Unterlagen und eine Stellungnahme des Konzerns einholte, betonte das Unternehmen, man halte sich an geltendes Datenschutzrecht, verlange dasselbe von seinen Partnern und die redaktionelle Unabhängigkeit bleibe gewahrt. Kristin Roberts, Präsidentin von USA TODAY Media, schrieb den Mitarbeitern per E-Mail, das Projekt könne zu „besseren Empfehlungen und Angeboten auf Basis dessen, was die Menschen tatsächlich interessiert“ führen.

Wo die Daten physisch liegen, ist allerdings eine andere Frage als das, was mit ihnen gemacht wird. Reed selbst lieferte dafür die klarste Formulierung: Ziel sei es, „die anonymen Interaktionen, die wir heute haben, in bekannte Beziehungen zu verwandeln“. Aus einem Klick wird also ein Profil, aus einem Profil ein Name.

Details zum Umfang des Deals bleiben unterdessen im Dunkeln. Weder einen Preis noch eine Laufzeit hat USA TODAY Co. öffentlich gemacht, und eine Konzernsprecherin lehnte es ab, weitere Fragen dazu zu beantworten. Mehr als 200 Lokalzeitungen und ein nationales Flaggschiffblatt – und niemand weiß, wie lange ihre Leser schon namentlich erfasst werden.


Quellen:

  1. Reclaim The Net: Axel Springer, Politico, and USA TODAY: Palantir’s Expanding Newsroom Client List

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