Der deutsche Steuerstaat ist nicht einfach gierig. Er ist kreativ. Und wie bei jeder Kreativität gibt es Meisterwerke, Irrtümer und Dinge, bei denen man sich fragt, ob im Finanzministerium früher zu viel Schaumwein ausgeschenkt wurde. Die Geschichte zeigt: Wenn irgendwo Leben, Licht, Luxus oder ein halbwegs fröhlicher Gesichtsausdruck auftaucht, ist die Steuerfantasie nicht weit.
Das berühmteste deutsche Beispiel ist die Schaumweinsteuer. Sie wurde 1902 unter Kaiser Wilhelm II. eingeführt, ursprünglich zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte. Die Flotte liegt längst auf dem Grund der Geschichte, die Steuer schwimmt munter weiter. Auf eine übliche Flasche Sekt fallen bis heute zusätzlich rund ein Euro Schaumweinsteuer an. Man stößt also nicht nur an, man salutiert fiskalisch nach.
Ähnlich langlebig ist die Kaffeesteuer. Deutschland kassiert beim Kaffee nicht nur Mehrwertsteuer, sondern zusätzlich eine eigene Verbrauchsteuer. Wer morgens also verschlafen zur Tasse greift, finanziert schon vor dem ersten klaren Gedanken den Staat. Vermutlich deshalb sind deutsche Steuerbescheide so lang: Irgendjemand im Amt ist sehr wach.
Wer Licht wollte, zahlte
Die Fenstersteuer gab es wirklich. In England, Frankreich und anderen Gebieten wurden Häuser zeitweise nach der Zahl ihrer Fenster besteuert. Die Reaktion war typisch menschlich und sehr vernünftig: Man mauerte Fenster zu. Der Staat wollte Einnahmen, die Bürger wollten ihr sauer verdientes Geld behalten, am Ende hatten viele weniger Licht und der Fiskus eine neue Lektion in Nebenwirkungen.
Die oft erzählte niederländische Gardinensteuer dagegen ist eher ein Mythos. Dass in den Niederlanden viele Fenster offen einsehbar blieben, hatte mehr mit Tradition, Architektur und dem berühmten „Wir haben nichts zu verbergen“ zu tun als mit einer echten Gardinenabgabe. Aber dass so viele Menschen dem Staat eine Gardinensteuer sofort zutrauen, sagt vielleicht mehr über den Staat als über Gardinen.
Im alten Rom ging es noch handfester zu. Kaiser Vespasian ließ öffentliche Toiletten beziehungsweise die Nutzung des dort gesammelten Urins besteuern. Der Stoff wurde gebraucht, unter anderem zum Gerben und Waschen. Aus dieser Zeit stammt die berühmte Formel: Geld stinkt nicht. Ein Satz, der bis heute in jeder Haushaltsdebatte überlebt hat, nur dass man ihn heute meist „Gegenfinanzierung“ nennt.
Bart ab oder Kasse auf
Zar Peter der Große führte in Russland eine Bartsteuer ein. Wer seinen Bart behalten wollte, musste zahlen und bekam teils eine Marke als Nachweis. Das Ziel war Modernisierung nach westlichem Vorbild. Man kann daraus lernen: Wenn der Staat modernisiert, beginnt er gern im Gesicht des Bürgers.
Auch Perücken, Kutschen, Reitpferde, Diener, Schmuck, Taschenuhren und sogar Spielkarten wurden in verschiedenen Zeiten besteuert. Die deutsche Spielkartensteuer verschwand erst 1981. Bis dahin wusste der Staat offenbar: Wo vier Leute Skat spielen, lauert fiskalisches Potenzial.
Die Salzsteuer war weniger komisch. Salz war lebensnotwendig und deshalb über Jahrhunderte ein ideales Objekt staatlicher Begehrlichkeit. In Deutschland wurde sie erst 1993 abgeschafft. Man sieht: Selbst wenn eine Steuer komplett aus der Zeit gefallen ist, braucht es manchmal nur ein paar Jahrhunderte, um es zu merken.
Der Hund zahlt mit
Die Hundesteuer lebt dagegen fröhlich weiter. Ursprünglich hatte sie viel mit Luxus-, Besitz- und Ordnungsvorstellungen früherer Zeiten zu tun. Heute existiert sie in Deutschland fast überall. Der Hund versteht vermutlich nicht, warum sein bloßes Dasein kommunalpolitisch relevant ist. Sein Halter schon: Weil man irgendwo noch ein Formular und eine Abbuchung unterbringen konnte.
Hinzu kommen moderne Lenkungssteuern: Zuckersteuer, Fettsteuer, Plastiktütenabgabe, Vergnügungssteuer, Automatensteuer, Sonderideen rund um Energie, Klima, Gesundheit und Moral. Offiziell geht es um Steuerung, Schutz und Erziehung. In der Praxis bleibt erstaunlich oft eine Einnahmequelle zurück, wenn die ursprüngliche Begründung längst dünn geworden ist.
Genau das ist die goldene Regel der Steuerpolitik: Eine Sonderabgabe kommt als Ausnahme, setzt sich aufs Sofa und bleibt. Die Sektsteuer ist das schönste Beispiel. Eingeführt für die kaiserliche Flotte, überlebt sie Kaiser, Flotte, Weltkriege und Währungsreformen. Wenn der deutsche Staat eines Tages quasi als CO2-Zertifikat des kleinen Mannes eine Luftsteuer einführen würde, hieße sie vermutlich nach drei Jahren „bewährter Beitrag zur Ateminfrastruktur“.
Der Bürger lacht darüber, weil es absurd ist. Der Staat lacht mit, weil es funktioniert.






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