Ein leistungsfähiger Quantencomputer könnte eines Tages genau den mathematischen Schutz aushebeln, mit dem Besitzer ihre Bitcoin ausgeben. Noch existiert kein Rechner, der Bitcoins heutige Signaturen in der Praxis brechen kann. Doch Entwickler bereiten sich inzwischen auf den sogenannten „Q-Day“ vor – und stoßen dabei auf ein gewaltiges Problem: Ausgerechnet sehr alte Bestände lassen sich nicht ohne Weiteres retten.
Bitcoin verwendet digitale Signaturen, die beweisen, dass eine Transaktion vom rechtmäßigen Besitzer stammt. Ein ausreichend großer und fehlerkorrigierter Quantencomputer könnte aus einem öffentlich sichtbaren Schlüssel den privaten Schlüssel berechnen. Ein Angreifer wäre dann technisch in der Lage, fremde Bitcoin zu bewegen. Betroffen wären vor allem Adressen, deren öffentlicher Schlüssel bereits sichtbar ist.
Das Unternehmen Project Eleven hat nun einen möglichen Rettungsweg vorgestellt. Besitzer moderner Wallets könnten mit einem zusätzlichen kryptografischen Beweis zeigen, dass ihre Adresse tatsächlich aus ihrem ursprünglichen Wallet-Schlüssel abgeleitet wurde. Damit ließen sich liegengebliebene Bitcoin nach einer Umstellung auf quantensichere Adressen dem echten Eigentümer zuordnen, selbst wenn die bisherigen Signaturen nicht mehr vertrauenswürdig wären.
Für Normalnutzer bedeutet das vereinfacht: Wer seine Seed-Wörter besitzt und eine moderne Wallet-Struktur verwendet, könnte künftig noch einen zweiten Eigentumsnachweis haben. Ein Quantendieb könnte zwar den einzelnen privaten Schlüssel errechnen, nicht aber den übergeordneten Ableitungsweg der Wallet rekonstruieren. Der vorgestellte Prototyp arbeitet laut den Entwicklern in weniger als einer Sekunde. Er ist allerdings noch nicht unabhängig geprüft, nicht vollständig fertig und bislang kein Bestandteil des Bitcoin-Protokolls.
Bei den frühen Bitcoin-Beständen funktioniert dieser Ansatz nicht. Die Wallet-Struktur, auf der der neue Nachweis beruht, wurde erst 2012 standardisiert. Die schätzungsweise 1,1 Millionen Bitcoin, die dem verschwundenen Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto zugerechnet werden, stammen aus einer früheren Zeit. Taucht Satoshi nicht auf und bewegt seine Bestände nicht rechtzeitig, bliebe nur eine politische Entscheidung der Bitcoin-Gemeinschaft: alte gefährdete Guthaben einfrieren, nach einem Angriff möglicherweise einem Quantenrechner überlassen oder eine andere Sonderregel in das Protokoll schreiben.
Der Streit ist längst mehr als ein Gedankenspiel. Der Finanzdienstleister Galaxy hat im Juli eine Initiative mit bis zu fünf Millionen Dollar Fördermitteln gestartet, um quantensichere Lösungen für Bitcoin zu entwickeln. Galaxy betont zugleich, dass gegenwärtig kein kryptografisch relevanter Quantencomputer existiert. Die Gefahr liegt nicht im nächsten Handy-Update, sondern in einer möglichen technologischen Schwelle, auf die Bitcoin wegen langwieriger Abstimmungen Jahre im Voraus vorbereitet werden müsste.
Für heutige Anleger besteht deshalb kein Anlass, ihre Bitcoin übereilt zu bewegen. Wichtig bleiben zunächst die realen Risiken: fehlerhafte Geräte, gestohlene Seed-Wörter und unsichere Sicherungen. Wie konkret solche Schwachstellen werden können, zeigte zuletzt die Coldcard-Panne bei seit 2021 erzeugten Wallets. Wer neu einsteigt, sollte außerdem die Unterschiede zwischen Börse, App und eigener Verwahrung kennen; F-News hat die Wege im Beitrag „Krypto für Anfänger: ETF, App oder DeFi ohne teure Fehler“ gegenübergestellt.
Die eigentliche Brisanz liegt in Satoshis Bestand. Sollten die zugerechneten Bitcoin eines Tages plötzlich bewegt werden, könnte das den Markt erschüttern – unabhängig davon, ob dahinter Satoshi oder ein Quantenangreifer steckt. Die neue Technik zeigt, dass eine Rettung für viele Nutzer möglich sein könnte. Sie zeigt aber ebenso deutlich, dass Bitcoin für seine ältesten und berühmtesten Münzen noch keine saubere Antwort hat.






