Mitgiftmorde in Indien: Tausende Bräute sterben – und der Schatten der Witwenverbrennung lebt fort

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Indien hat Mitgiftzahlungen vor mehr als sechs Jahrzehnten verboten. Dennoch wurden allein 2023 landesweit 6.156 sogenannte Mitgifttodesfälle registriert. Das sind fast 17 tote Frauen pro Tag. Hinter der nüchternen Behördenkategorie stehen junge Ehefrauen, die nach immer neuen Geld-, Auto- oder Sachforderungen misshandelt, in den Tod getrieben oder ermordet werden. Manche werden mit Kerosin übergossen und angezündet. Daher stammt der Begriff „Brautverbrennung“. Doch nicht jeder Mitgifttod ist ein Brandmord: Auch Vergiftungen, Erhängen und als Unfall oder Suizid dargestellte Todesfälle gehören dazu.

Mit der religiös aufgeladenen Witwenverbrennung, dem sogenannten Sati, ist diese Gewalt nicht identisch. Die Brautverbrennung ist kein festes Hochzeitsritual, sondern die mörderische Zuspitzung eines Mitgiftsystems, in dem die Familie der Braut dem Bräutigam und dessen Familie Geld, Schmuck, Fahrzeuge oder Hausrat übergibt. Wer beide Phänomene einfach als dieselbe uralte „Sitte“ bezeichnet, verdeckt mehr, als er erklärt.

Die Geschichte der Mitgift ist kompliziert. Frühere Formen von Heiratsgaben konnten der Frau als eigenes Vermögen und Absicherung dienen. In einer Gesellschaft, in der Töchter beim Familienbesitz häufig schlechter gestellt waren, waren Schmuck und Güter bei der Hochzeit mitunter eine Art vorgezogenes Erbe. Aus der Gabe wurde jedoch vielerorts eine Forderung der Familie des Bräutigams. Koloniale Eigentumsordnungen, die geringe wirtschaftliche Stellung von Frauen, arrangierte Ehen und später ein wachsender Konsum- und Statusdruck verschärften diese Entwicklung. Einen einzigen historischen Ursprung der heutigen Mitgiftmorde gibt es deshalb nicht. Sicher ist: Mord wegen unerfüllter Nachforderungen ist weder ein religiös gebotenes Ritual noch eine harmlose Fortsetzung alter Geschenke.

Der indische Staat verbot das Fordern, Geben und Nehmen von Mitgift mit dem Dowry Prohibition Act von 1961. Nachdem Frauenorganisationen in den 1970er- und 1980er-Jahren gegen die auffälligen „Küchenunfälle“ junger Ehefrauen mobilisiert hatten, wurde 1986 der besondere Straftatbestand des Mitgifttodes eingeführt. Heute steht er in Paragraf 80 des Bharatiya Nyaya Sanhita. Stirbt eine Frau innerhalb von sieben Jahren nach der Hochzeit durch Verbrennungen, Verletzungen oder unter sonstigen unnatürlichen Umständen und wurde sie kurz zuvor wegen Mitgiftforderungen misshandelt, greift eine besondere strafrechtliche Vermutung gegen Ehemann oder Angehörige.

Die Bekämpfung ist damit auf dem Papier streng, in der Praxis aber nur begrenzt erfolgreich. Nach den neuesten vom indischen Innenministerium veröffentlichten Zahlen sank die Zahl der registrierten Fälle von 7.141 im Jahr 2019 auf 6.156 im Jahr 2023. Das ist ein Rückgang um knapp 14 Prozent, aber noch immer ein Massenphänomen. Von 4.284 im Jahr 2023 abgeschlossenen Verfahren endeten 1.501 mit einer Verurteilung, eine Quote von 35 Prozent. Diese Quote sagt zudem nichts darüber aus, wie lange die Verfahren dauerten; abgeschlossene Prozesse können aus früheren Jahren stammen. Angst, familiärer Druck, vertuschte Spuren und als häusliche Unglücke präsentierte Taten erschweren die Verfolgung. Wie sehr Gewalt in Familien durch soziale Abhängigkeit und kulturelle Rechtfertigungen gedeckt werden kann, zeigt auch unser Bericht über „Ehrgewalt“ und Zwangsheirat.

Davon zu unterscheiden ist Sati: Die Verbrennung einer Witwe auf dem Scheiterhaufen ihres verstorbenen Mannes. Anhänger beschrieben dies als freiwillige höchste Hingabe einer Ehefrau; historische Berichte kennen jedoch ebenso Zwang, Drogen, Bewachung und die Gewalt einer jubelnden Menge. Auch wirtschaftliche Interessen spielten eine Rolle, denn eine tote Witwe stellte keine Erb- und Versorgungsansprüche mehr. Sati war nie eine allgemeine Praxis aller Hindus oder aller Regionen Indiens. Die Quellenlage zu den Ursprüngen ist umstritten, frühe eindeutige Zeugnisse tauchen erst Jahrhunderte nach den ältesten vedischen Texten auf. Besonders sichtbar wurde die Praxis später in bestimmten Kasten und Regionen, darunter bei Rajputen.

Der indische Reformer Raja Ram Mohan Roy kämpfte im frühen 19. Jahrhundert gegen die Witwenverbrennung. 1829 verbot die britische Kolonialregierung unter William Bentinck Sati zunächst in Bengalen, weitere Gebiete folgten. Das Verbot war also nicht bloß eine von außen verordnete „Rettung“, sondern auch Ergebnis eines innerindischen Streits, in dem indische Gegner der Praxis eine entscheidende Rolle spielten.

Ausgerottet war Sati damit nicht. Der bekannteste moderne Fall ereignete sich am 4. September 1987 in Deorala im Bundesstaat Rajasthan. Die erst 18 Jahre alte Roop Kanwar verbrannte auf dem Scheiterhaufen ihres Ehemanns. Ob sie freiwillig handelte, unter Druck stand oder mit Gewalt in den Tod geschickt wurde, blieb heftig umstritten. Sicher ist, dass anschließend Hunderttausende zu einer Feier zu ihren Ehren kamen und aus ihrem Tod ein Kult und ein Geschäft gemacht wurden. Daraufhin verschärfte Indien das Recht mit dem Commission of Sati (Prevention) Act von 1987. Er bestraft nicht nur die Durchführung und Beihilfe, sondern auch die Verherrlichung, Prozessionen und den Aufbau von Kultstätten.

Roop Kanwars Tod wird oft als letzter offiziell registrierter Sati-Fall bezeichnet. Ganz verschwunden ist der Brauch jedoch nicht. Wissenschaftliche Darstellungen dokumentieren auch nach 1987 einzelne mutmaßliche oder versuchte Witwenverbrennungen, darunter einen international berichteten Fall in Madhya Pradesh im Jahr 2002. Gleichzeitig bestehen Sati-Schreine, Wallfahrten und eine kulturelle Verherrlichung fort. Die amtliche Kriminalstatistik verzeichnet unter dem Sati-Gesetz in vielen Jahren keine Fälle. Das belegt den Erfolg der Ächtung, aber nicht zwingend das vollständige Verschwinden jeder Tat oder jedes Kultes.

Und ja: Es gab tatsächlich Demonstrationen von Frauen gegen die staatliche Bekämpfung von Sati. Historische Darstellungen der indischen Frauenbewegung berichten, dass Organisationen Anfang der 1980er-Jahre in verschiedenen Landesteilen Frauenkundgebungen für ein angebliches „Recht“ organisierten, Sati zu begehen, zu verehren und zu propagieren. Nach Roop Kanwars Tod unterstützte die konservative Politikerin Vijayaraje Scindia öffentlich die Behauptung, eine „freiwillige“ Selbstverbrennung dürfe nicht strafbar sein. Daraus darf allerdings nicht die Legende werden, indische Frauen hätten geschlossen gegen das Verbot demonstriert. Im Gegenteil: Frauenverbände führten die massiven Proteste gegen Sati und dessen Verherrlichung an. Eine akademische Untersuchung beschreibt die große Pro-Sati-Gegenprozession von 1987 als überwiegend männlich und ohne Vertretung hinduistischer Witwen.

Der gemeinsame Kern von Mitgiftmord und Witwenverbrennung liegt nicht im Feuer, sondern in der Verfügbarkeit der Frau: Die junge Ehefrau gilt als Belastung, wenn ihre Familie nicht weiter zahlt; die Witwe als wertlos, wenn ihr Ehemann tot ist. Gesetze haben Sati zu einer extrem seltenen Tat gemacht und die Mitgifttodesfälle reduziert. Solange jedoch Familie, Besitz und gesellschaftliche Ehre schwerer wiegen als das Leben einer Frau, bleibt selbst ein scharfes Verbot ein Schutzversprechen mit erschreckend vielen Lücken. F-NEWS berichtete bereits darüber, wie Frauen und Mädchen auch andernorts zwischen religiöser Gewalt und staatlichem Wegsehen zerrieben werden, etwa bei der Gewalt gegen christliche Frauen und Mädchen in Nigeria.

Quellen: Indisches Innenministerium und NCRB, Mitgifttodesfälle 2019 bis 2023; Fachstudie zur Erfassung von Mitgifttodesfällen; Law and History Review zur Geschichte und Bekämpfung von Sati; Darstellung der indischen Frauenbewegung zu Pro-Sati-Kundgebungen.

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