An der Mitgliederversammlung von Pro Schweiz hat Alt-Bundesrat Christoph Blocher am 18. April 2026 eine Grundsatzrede gehalten, die es in sich hat — und die der politischen Klasse in Bern den Spiegel vorhält, wie die SVP dazu schreibt.
Blochers Kernthese ist so simpel wie unbequem: Die Schweiz verdankt ihren Wohlstand und zwei Jahrhunderte Frieden nicht dem Wohlwollen der Nachbarn, sondern einer einzigen politischen Maxime — der immerwährenden, bewaffneten und integralen Neutralität. Und genau diese Maxime wird gerade von einer Parlamentsmehrheit zerstört, die lieber nach Washington und Brüssel schielt als in die eigene Geschichte.
Der Alt-Bundesrat erinnert daran, dass die Schweiz das Prinzip „Si vis pacem para bellum“ — willst du den Frieden, bereite den Krieg vor — über Jahrhunderte konsequent angewendet hat. Im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg, in unzähligen Krisen drumherum blieb die Schweiz verschont — weil ein Angriff für jeden Aggressor zu teuer geworden wäre. Das nennt sich militärisch Dissuasion. Im Zweiten Weltkrieg bewachten 800’000 Schweizer Soldaten — 20 Prozent der damaligen Bevölkerung — das Staatsgebiet, alle Alpenübergänge waren zur Sprengung vorbereitet.
Die Lektion von 1920 — und warum sie niemand hören will
Blocher zieht eine direkte historische Linie zur Gegenwart: 1920 trat die Schweiz im „Friedensrausch“ dem Völkerbund bei und opferte dabei die integrale Neutralität. Die Folge: Als Mussolinis Truppen Äthiopien angriffen, musste Bern die Sanktionen des Völkerbundes mittragen — woraufhin Mussolini der Schweiz unverhohlen mit Krieg drohte und das Tessin als sein Ziel bezeichnete. Erst 1938 korrigierte Bundesrat Giuseppe Motta den Kurs und rief die Schweiz zurück zur vollumfänglichen Neutralität. Wenige Monate später brach der Zweite Weltkrieg aus — und die Schweiz blieb verschont.
Die Botschaft für heute ist klar: 2022 hat die Schweiz unter dem Druck der USA und der Grossbanken die EU-Sanktionen gegen Russland übernommen. Blocher nennt das beim Namen — die Schweiz hat sich damit zur Kriegspartei gegenüber einer Atommacht gemacht. Kein Völkerrechtsprofessor, kein Aussenminister, kein Thinktank hat daran etwas geändert. Es ist passiert. Und die Glaubwürdigkeit der Schweiz als neutraler Staat hat schweren Schaden genommen.
Die politische Klasse, so Blocher, ziehe daraus keine Konsequenzen. Im Gegenteil: Die Parlamentsmehrheit habe nicht nur die integrale, sondern sogar die bewaffnete Neutralität verworfen. Wer einen NATO-Annäherungskurs fährt oder ein EU-Militärbündnis anstrebt, so seine unmissverständliche Schlussfolgerung, nimmt Krieg auf Schweizer Boden in Kauf.
Blochers Forderung: Annahme der Neutralitätsinitiative. Und an Aussenminister Cassis gerichtet, der wie einst Motta zum glühenden Befürworter internationaler Einbindung geworden ist: Es sei noch nicht zu spät umzukehren — so wie Motta 1938 die Grösse hatte, seinen Irrtum von 1920 zu korrigieren.
Ob die Berner „classe politique“ diese Lektion versteht, ist eine andere Frage. Die Geschichte hat eine klare Antwort — die politische Gegenwart offensichtlich nicht.





