Vier Monate nach Inkrafttreten des australischen Social-Media-Verbots für Minderjährige unter 16 Jahren steht fest: Das Gesetz verfehlt sein Ziel auf ganzer Linie. Laut einem neuen Arbeitspapier des Becker Friedman Institute der University of Chicago, über das Reclaim the Net berichtet, halten sich gerade einmal 27 Prozent der betroffenen 14- und 15-Jährigen an das Verbot — 73 Prozent ignorieren es schlicht.
Die Studie, für die zwischen März und April 2026 insgesamt 746 australische Teenager befragt wurden, zeichnet ein vernichtendes Bild. Der Online Safety Amendment (Social Media Minimum Age) Act 2024 trat am 10. Dezember 2025 in Kraft und machte Australien zum ersten Land weltweit, das Teenagern Social-Media-Konten auf Bundesebene gesetzlich untersagt — betroffen sind zehn Plattformen: Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok, X, YouTube, Reddit, Twitch, Threads und Kick.
Das Gesetz richtet sich nicht gegen die Jugendlichen selbst, sondern gegen die Plattformen. Unternehmen, die keine „angemessenen Maßnahmen“ ergreifen, um Unter-16-Jährige fernzuhalten, drohen Strafen von bis zu 49,5 Millionen australischen Dollar. Die Teenager trifft dagegen keine Sanktion — und sie wissen das: Nur 22 Prozent der betroffenen Jugendlichen glauben, persönlich irgendwelche Konsequenzen zu riskieren. 47 Prozent verstehen korrekt, dass die Konsequenzen die Unternehmen treffen. Die Bekanntheit des Verbots liegt bei 86 Prozent. Die Jugendlichen sind also nicht uninformiert — sie haben schlicht entschieden, dass es sie nichts angeht.
Die Umgehung ist denkbar einfach: 75 Prozent der verbotspflichtigen Teens beschreiben das Austricksen der Sperren als einfach oder sehr einfach. Die gängigsten Methoden sind das Lügen bei Altersabfragen (57 Prozent), falsche Geburtsdaten bei der Registrierung (44 Prozent), die Nutzung elterlicher oder geschwisterlicher Accounts (42 Prozent) und VPN-Verbindungen (30 Prozent). 64 Prozent der 14- und 15-Jährigen, die das Verbot ignorieren, wurden von den Plattformen bislang nicht einmal entdeckt. Ein Viertel der Verstöße wurde sogar aktiv von Eltern oder älteren Geschwistern unterstützt — die halfen beim Anlegen neuer Accounts, nachdem alte gelöscht worden waren.
Das soziale Gefüge arbeitet gegen das Gesetz
Die Forscher stellten den Teenagern eine aufschlussreiche Frage: Wie viele deiner Altersgenossen müssten aufhören, Social Media zu nutzen, damit auch du aufhörst? Die durchschnittliche Antwort: 69 Prozent. Dieser Schwellenwert blieb stabil — egal ob als Bezugsgruppe Gleichaltrige, Klassenkameraden, die gesamte Schule oder „eine typische Person deines Alters“ angegeben wurde. Tatsächliche Compliance liegt bei 27 Prozent. Die Lücke ist gewaltig, und das Modell der Forscher legt nahe, dass der einzig stabile Gleichgewichtspunkt unter den aktuellen Bedingungen bei etwa 18 Prozent Compliance liegt — also noch unter dem bereits miserablen Ist-Zustand.
Hinzu kommt die soziale Schieflage des Verbots: 47 Prozent der befragten Jugendlichen sagten, die Kinder, die das Verbot einhalten, seien weniger beliebt als jene, die es ignorieren. Nur 5 Prozent sahen es umgekehrt. Die verbliebenen Plattformnutzer haben im Schnitt doppelt so viele Instagram-Follower wie die Ausgestiegenen — 470 gegenüber 200. Das Verbot trifft also vor allem die sozial Schwächeren, während die einflussreichen Jugendlichen online bleiben.
Die Autoren ziehen den Vergleich mit dem Rauchen — allerdings als Negativbeispiel: Beim Zigarettenverbot stiegen zuerst die statushohen Raucher aus, ganze Freundeskreise folgten, und Rauchen wurde zunehmend mit der Peripherie assoziiert. In Australien läuft es genau andersherum. Auf den Plattformen zu sein bleibt das Coole — wer aussteigt, verliert sozialen Anschluss.
Was Australien nach vier Monaten vorzuweisen hat, ist ein Gesetz, dem fast niemand gehorcht, das vor allem die Unbeliebteren trifft, das Betroffene als trivial umgehbar einschätzen und das die soziale Realität, die es verändern sollte, vollständig unberührt gelassen hat. Die Regierung bekam einen Medienzyklus, die Plattformen bekamen eine Compliance-Theaterrolle — und die Jugendlichen lernten, wie Gesetze aussehen, die über sie geschrieben werden, nicht für sie.
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