Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zählt mittlerweile 550 Mitgliedsunternehmen — mehr als doppelt so viele wie zu Beginn des Ukrainekriegs. Allein zwischen 2024 und 2025 traten rund 200 Firmen dem Branchenverband bei, seit November 2025 kamen weitere 100 hinzu. Die Expansion konzentriert sich zunehmend auf Ostdeutschland, wo Systemhäuser wie Hensoldt und Airbus Defence and Space neue Standorte eröffnet haben. Auch MBDA, Diehl Defence und KNDS bauen ihre Aktivitäten in den östlichen Bundesländern aus.
Was sich sachlich nach Wirtschaftsförderung liest, ist in Wahrheit eine fundamentale Neuausrichtung des Industriestandorts Deutschland. Das Land, das jahrzehntelang seine Zurückhaltung beim Militär als außenpolitische Tugend pflegte, verwandelt sich mit beachtlicher Geschwindigkeit in einen europäischen Rüstungshub — und es ist kein Zufall, wann das möglich wird: just in dem Moment, in dem die einst stolze Automobilindustrie in sich zusammenfällt.
Zum Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten gut 48.700 weniger Beschäftigte in der Automobilbranche als noch ein Jahr zuvor — ein Rückgang von 6,3 Prozent, der höchste in keiner anderen großen Industriebranche. Die Zulieferer trifft es dabei noch härter als die Hersteller: Im Bereich Teile und Zubehör schrumpfte die Belegschaft um 11,1 Prozent auf knapp 235.400 Beschäftigte. Bosch, Continental, ZF — die Schwergewichte der deutschen Zulieferindustrie — haben milliardenschwere Sparprogramme aufgelegt. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft könnten bis 2030 rund 90.000 weitere Stellen wegfallen, nachdem seit 2019 bereits etwa 55.000 verloren gegangen sind.
Diese industrielle Aushöhlung schafft die Voraussetzungen für den Umbau. In Görlitz wollte der Industriekonzern Alstom sein Werk für den Bau von Waggons eigentlich schließen. Im Februar 2025 übernahm der Konzern KNDS das Traditionswerk — statt Aluminiumrohlingen für Eisenbahnwaggons werden nun Teile für Panzer geschweißt. Auch Rheinmetall prüft, Standorte in Neuss und Berlin, die bislang für die Automobilindustrie produzieren, auf Rüstungsgüter umzustellen. Was Betroffene als Rettung feiern, ist in der Substanz eine Umwidmung industrieller Kapazität vom zivilen zum militärischen Zweck — vollzogen unter dem Applaus der Politik.
Ende 2024 beschloss die Bundesregierung eine neue Sicherheits- und Verteidigungsindustriestrategie, die die Branche als systemrelevant anerkennt, Schlüsseltechnologien fördert und europäische Kooperationen vorantreibt. Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: Was der Markt nicht mehr trägt, soll der Staat — via Rüstungsauftrag — ersetzen.
Die Zahlen geben dieser Strategie jedenfalls Rückenwind. Die vier deutschen Firmen unter den 100 weltweit größten Rüstungsunternehmen erhöhten ihren Umsatz zuletzt um 36 Prozent — die höchste Steigerung verzeichnete Diehl mit 53 Prozent. Rheinmetall, längst DAX-Mitglied und inoffizielles Aushängeschild der deutschen Aufrüstung, erwartet für 2025 ein weiteres Wachstum von bis zu 30 Prozent, im Verteidigungsbereich sogar bis zu 40 Prozent. Beide Unternehmen werben inzwischen aktiv um Fachkräfte, die andernorts gerade freigesetzt werden.
Dabei ist das Phänomen längst nicht auf einheimische Konzerne beschränkt. Das Joint Venture COMLOG — gegründet von MBDA und dem US-Rüstungsriesen RTX — baut seit 2024 in Schrobenhausen neue Produktionslinien auf und wird dort für mehrere Streitkräfte 1.000 PAC-2 GEM-T-Raketen für das Patriot-Luftabwehrsystem fertigen, wie MBDA Deutschland mitteilt. Ab 2026 werden dort erstmals GEM-T-Lenkflugkörper im Auftrag der NATO-Beschaffungsagentur NSPA produziert. Bis dato wurden diese Raketen aus den USA importiert — der transatlantische Rüstungskreislauf verlagert sich, und Deutschland stellt die Hallen dafür zur Verfügung.
Besonders stark ist die Branche in Bayern vertreten, wo sie etwa ein Drittel ihrer Wertschöpfung erwirtschaftet — getragen von Unternehmen wie Quantum-Systems und Helsing, die ukrainische Streitkräfte mit Aufklärungs- und Kampfdrohnen beliefern. Helsing allein erhielt 2025 weitere 600 Millionen Euro von Investoren und arbeitet an einer KI, die Kampfflugzeuge autonom in Luftkampfszenarien führen soll.
Die Bundesregierung begrüßt den NATO-Beschluss, künftig 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu investieren — zusätzlich sollen rund 1,5 Prozent für militärisch nutzbare Infrastruktur bereitgestellt werden. Für 2026 sind allein im Verteidigungshaushalt rund 82,7 Milliarden Euro vorgesehen. Ökonomen erwarten, dass die staatlichen Milliardenausgaben für Rüstung und Infrastruktur ihren vollen konjunkturellen Effekt erst 2027 entfalten werden. Bis dahin dürften die Werkhallen längst auf Kriegsproduktion umgestellt sein.
Der Mittelstand, der sich von diesem Boom goldene Nasen erhofft, dürfte allerdings vielfach enttäuscht werden. Bremsen wie geschlossene Lieferketten, hohe technische Anforderungen und Investitionen ohne gesicherte Aufträge halten viele kleine Unternehmen vom Einstieg ab. Die großen Systemhäuser unter sich — und wer zuletzt Stoßstangen für den Golf gebaut hat, schaut auch jetzt wieder zu.
Quellen: Business Insider | Destatis | automobil-produktion.de | deutschland.de | Augen Geradeaus | Technik-Einkauf | MBDA Deutschland | produktion.de






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