Deutschlands Landwirte stehen unter einem Druck, den die Politik jahrelang ignoriert hat und jetzt, wo sich die Suizide häufen, schickt Baden-Württemberg fünf bezahlte Vertrauensleute ins Feld. Wie n-tv berichtet, stellt das Land 350.000 Euro bereit, damit sogenannte Kümmerer als Ansprechpartner für verzweifelte Bauern zur Verfügung stehen.
Der Hintergrund ist bitter: Studien aus Frankreich verzeichnen in der Landwirtschaft eine um 20 bis 30 Prozent höhere Suizidrate als in der übrigen Bevölkerung, weltweit liegen die Werte sogar um 50 bis 60 Prozent darüber. In Deutschland fehlen bislang vergleichbare Daten – die Agrarminister haben deshalb jetzt beim Bund eine eigene Untersuchung zur mentalen Gesundheit von Landwirten beantragt.
Die Psychotherapeutin Karen Hendrix, die auf Depressionen bei Bauern spezialisiert ist, beschreibt das Ausmaß so: Jeder Landwirt kenne ungefähr drei andere, die Suizid begangen haben. Das ist keine Randnotiz, das ist eine Epidemie im Stillen.
Was treibt Menschen in diese Lage? Die EU-Agentur für Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz listet auf: nie endende Arbeitszeiten ohne echte Erholungsphasen, wachsender Regulierungsdruck, erdrückender Verwaltungsaufwand, finanzielle Unsicherheit – und obendrein eine gesellschaftliche Entfremdung, die sich bis ins Mobbing gegen Kinder aus Bauernfamilien zieht. Wer mit Pestiziden oder Tierhaltung in der Zeitung landet, wird zum Sündenbock, nicht zum Gesprächspartner.
Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk räumt ein, dass die Initiative durch konkrete Tierschutzfälle ausgelöst wurde, bei denen Landwirte und Veterinäre öffentlich an den Pranger gestellt wurden, ohne dass jemand nach den Hintergründen gefragt hätte. Das System habe versagt, bevor jemand starb.
Die neuen Kümmerer sollen nicht nur auf Eigeninitiative der Betroffenen warten, sondern auch auf Hinweise von Nachbarn, Familienangehörigen oder Behörden aktiv werden. Einer von ihnen ist Stefan Leichenauer, selbst Landwirt, selbst mit Burn-out und Suizidgedanken in der Vergangenheit. Sein Hof war verlottert, die Angst überwältigend – er suchte Hilfe und überlebte. Jetzt soll er andere durch eben diese Dunkelheit begleiten.
Ob fünf Kümmerer für ein ganzes Bundesland reichen, darf bezweifelt werden. Die strukturellen Ursachen – EU-Bürokratie, Preisdruck, gesellschaftliche Ächtung – beseitigt kein Vertrauensmann. Man könnte es als ein Zeichen deuten, dass die Politik die Leichen im Keller der Agrarpolitik nicht länger übersehen will, wenn man es denn nicht besser wüsste, mit welcher Verachtung die Bürokraten die arbeitende Bevölkerung betrachten.





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