Der Iran-Krieg schlägt jetzt auch auf die Geldpolitik durch. Laut einer Ökonomen-Umfrage, über die Bloomberg berichtet, rechnen nahezu alle Befragten damit, dass die EZB bei ihrer Sitzung am 30. April die Zinsen zunächst bei 2 % lässt — im Juni aber die Zinsschraube um 25 Basispunkte anzieht, gefolgt von Zinssenkungen im nächsten Jahr, um die Wachstumsschäden zu begrenzen. Auslöser ist der Energiepreisschock durch den Konflikt, der die Inflation im März auf 2,6 % getrieben hat — den höchsten Stand seit Mitte 2024.
Die Märkte sind noch pessimistischer als die Ökonomen und preisen bis zu zwei Zinserhöhungen im Jahresverlauf ein. EZB-Ratsmitglied Peter Kazimir warnte bereits im März, der Konflikt könnte die Notenbank zwingen, früher als geplant zu handeln. Die Erinnerung an den Inflationsschock von 2022 habe die Hemmschwelle für Unternehmen gesenkt, Preise zu erhöhen — und für Arbeitnehmer, höhere Löhne zu fordern. Die Aufwärtsrisiken überwögen klar, so Kazimir. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane und seine Kollegen wollen bis Juni mehr Daten abwarten — die Richtung ist aber klar.
Dekabank-Ökonom Kristian Toedtmann bringt es auf den Punkt: Die indirekten und sekundären Effekte des Iran-Konflikts auf die Preise seien kaum so gering, dass die EZB sie einfach ignorieren könne. Dennis Shen von der International School of Management spricht offen von einem „Versicherungs-Zinsschritt“ — 25 Basispunkte, vorsichtig in der Größe, aber unmissverständlich im Signal. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat das selbst so formuliert: Eine Reaktionsfunktion, die nicht reagiert, sei der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln.
Sprich: Die Notenbank erhöht die Zinsen nicht, weil die Wirtschaft brummt, sondern weil ein Krieg die Energiepreise hochtreibt — und sie sonst das Gesicht verliert. Für Haushalte mit variablen Krediten, für Unternehmen mit Investitionsvorhaben und für ohnehin schwächelnde Volkswirtschaften wie Deutschland bedeutet das: höhere Finanzierungskosten in einer Phase, in der man sie am wenigsten gebrauchen kann. Der IWF hat seine Wachstumsprognose für den Euroraum bereits von 1,4 auf 1,1 % gesenkt und nennt den Iran-Krieg ausdrücklich als Hauptgrund.
Rund 90 % der befragten Ökonomen befürchten, dass die Inflation mittelfristig über dem EZB-Ziel von 2 % bleibt. Gleichzeitig geht etwa die Hälfte derer, die eine Juni-Erhöhung erwarten, davon aus, dass spätestens 2027 wieder Zinssenkungen nötig werden — weil die Wirtschaft dann unter der strafferen Geldpolitik ächzt. Ein Zinserhöhungs-Zinssenkungs-Zickzack also, ausgelöst durch geopolitische Verwerfungen, die Brüssel und Frankfurt weder verursacht haben noch kontrollieren können.
Entscheidend bleibt die Straße von Hormus. Eine US-Seeblockade iranischer Häfen hat die Verhandlungen zuletzt ins Stocken gebracht. Etwa 73 % der Ökonomen erwarten, dass die aktuelle Waffenruhe zu einem dauerhaften Frieden führt — doch selbst dann dürften die wirtschaftlichen Nachwirkungen laut der Hälfte der Befragten noch mindestens sechs Monate spürbar bleiben. Nomura-Ökonom Andrzej Szczepaniak bringt die einzige Hoffnung der EZB auf den Tisch: Endet der Konflikt noch vor der Juni-Sitzung und fallen die Ölpreise zurück, könnte Frankfurt stillhalten. Danach sieht es derzeit nicht aus.
Quellen: Finanzmarktwelt | Bloomberg






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