Fender-Urteil: Müssen Musiker mit Strat-Kopien jetzt Angst haben?

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Symbolbild: Musiker mit generischer S-Style-Gitarre auf einer Bühne
Symbolbild: F-News / KI

Nach dem Düsseldorfer Fender-Urteil geht die Unruhe in der Gitarrenwelt weiter. F-News hatte bereits über Fenders Abmahn-Keule gegen Strat-Kopien und Thomanns rechtliche Gegenwehr berichtet. Nun stellt sich für viele Musiker die praktische Frage, ob auch Ärger droht, wenn man mit einer Strat-Kopie auf der Bühne steht.

Die kurze Antwort lautet, für normale Musiker ist Panik derzeit nicht angebracht. Das Urteil des Landgerichts Düsseldorf richtet sich nach den bekannten Informationen gegen das Herstellen, Anbieten, Bewerben, Verkaufen und Inverkehrbringen nahezu identischer Nachbauten. Wer eine bereits gekaufte S-Style-Gitarre besitzt und damit im Proberaum, im Studio oder auf der Bühne spielt, steht nicht im Zentrum dieser juristischen Auseinandersetzung.

Gefährlich wird es dort, wo aus der Gitarre ein Geschäftsmodell wird. Hersteller, Händler, Importeure, Boutique-Builder und Plattformanbieter müssen genauer hinsehen. Wer Instrumente anbietet, die der Stratocaster-Form nach Auffassung eines Gerichts zu nahe kommen, kann zum Ziel von Abmahnungen werden. Auch Werbung mit eindeutig an Fender angelehnten Formen kann riskant werden. Das ist der eigentliche Hebel: nicht der Gitarrist im Club, sondern der Markt dahinter.

Für Musiker kann es trotzdem indirekte Folgen geben. Wenn Händler Modelle aus dem Sortiment nehmen, Ersatzteile verschwinden oder kleine Gitarrenbauer vorsichtshalber ihre Designs ändern, wird die Auswahl kleiner. Besonders betroffen wären preiswerte S-Style-Instrumente und handgebaute Varianten, die seit Jahrzehnten zur normalen Gitarrenkultur gehören. Die Strat-Form ist längst nicht nur ein Fender-Produkt, sondern eine Art musikalisches Grundalphabet geworden.

Juristisch bleibt der Fall heikel. Die Kanzlei Bardehle Pagenberg hatte die Düsseldorfer Entscheidung als ersten Anwendungsfall neuer europäischer Maßstäbe zum Schutz angewandter Kunst in Deutschland eingeordnet. Das Gericht erkannte demnach urheberrechtlichen Schutz für den Stratocaster-Korpus an. Es geht nicht nur um Markenlogos oder Kopfplatten, sondern um die Körperform einer Gitarre, die seit 1954 in unzähligen Variationen auf Bühnen und in Werkstätten lebt.

Thomann setzt nun genau dort an. Das Musikhaus betont in seiner Stellungnahme, dass man rechtliche Schritte gegen Fender eingeleitet habe. Es gehe nicht nur um Harley Benton, sondern um Vielfalt, Innovation und Wettbewerb in der Gitarrenwelt. Thomann will offenbar ein neutrales Verfahren mit echter Beweisaufnahme erreichen. Das ist wichtig, weil der Düsseldorfer Fall nach bisheriger Darstellung gegen einen chinesischen Anbieter lief und nicht als großer Grundsatzprozess der gesamten Gitarrenbranche geführt wurde.

Wie stehen Thomanns Chancen? Für Fender spricht, dass ein deutsches Gericht der Stratocaster-Form bereits Schutz zugesprochen hat. Das ist juristischer Rückenwind. Gegen Fender spricht, dass die Form seit Jahrzehnten von zahllosen Herstellern genutzt, variiert und als S-Style-Standard wahrgenommen wird. In den USA scheiterte Fender 2009 mit dem Versuch, die Korpusformen von Stratocaster, Telecaster und Precision Bass als Marken zu schützen. Das US-Verfahren ist nicht eins zu eins auf deutsches Urheberrecht übertragbar, zeigt aber, wie stark die Formen im Markt verallgemeinert sind.

Thomanns stärkste Argumente dürften daher nicht aus Nostalgie bestehen, sondern aus Markt- und Kulturrealität: jahrzehntelange Duldung, funktionale und ergonomische Elemente, massenhafte Verbreitung, fehlende Herkunftszuordnung bei vielen Käufern und die kreative Weiterentwicklung durch andere Hersteller. Fender muss dagegen plausibel machen, dass es nicht bloß eine allgemeine Gitarrenform verteidigt, sondern ein geschütztes Werk mit hinreichender Eigenart.

Für Musiker heißt das praktisch, wer bereits eine Strat-Kopie besitzt, muss sie nicht panisch in den Keller sperren. Wer aber selbst baut, verkauft, bewirbt oder importiert, sollte die Entwicklung ernst nehmen. Besonders riskant sind nahezu identische Nachbauten, Fender-nahe Produktbilder und Werbetexte, die gezielt an den Mythos Stratocaster andocken. Je klarer ein Instrument eigenständige Designelemente zeigt, desto besser.

Der Streit ist damit noch lange nicht vorbei. Sollte Fender sich durchsetzen, könnte das den europäischen Gitarrenmarkt spürbar verändern. Sollte Thomann Erfolg haben, wäre das ein wichtiges Signal gegen den Versuch, eine über siebzig Jahre alte Kulturform nachträglich wieder unter Konzernkontrolle zu ziehen. Die Gitarrenwelt schaut nicht ohne Grund nervös nach Deutschland.

Quellen: F-News zu Thomanns Gegenwehr; F-News zum Fender-Vorgehen; Thomann Blog; Bardehle Pagenberg; Guitar World

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