Im Direktgespräch bei Radio Kontrafunk spricht der Investigativjournalist Billy Six über die aktuelle Eskalation in Venezuela – und räumt mit dem westlichen Märchen vom „befreiten Volk“ auf. Während internationale Medien von jubelnden Menschenmengen und einem erfolgreichen Regimewechsel berichten, zeichnet Six ein völlig anderes Bild: Angst, Repression und eine Machtstruktur, die weit über Präsident Maduro hinausgeht .

Venezuela, einst eines der reichsten Länder Südamerikas, ist trotz gigantischer Öl-, Gold- und Rohstoffvorkommen wirtschaftlich am Boden. Laut Six ist das kein Zufall und auch nicht allein das Ergebnis sozialistischer Fehlpolitik. Entscheidend sei eine über Jahrzehnte gewachsene Deep-State-Struktur aus Politik, Militär, Oligarchie und organisiertem Verbrechen, die unabhängig von einzelnen Präsidenten funktioniere. Die Absetzung Maduros ändere daran nichts – im Gegenteil: Jetzt seien die eigentlichen Hardliner am Ruder.

Besonders brisant sind Six’ Schilderungen zur jüngsten US-Militäroperation. Entgegen vieler Behauptungen habe es keine spontanen Feiern gegeben. Menschen vor Ort berichteten vielmehr von Explosionen, Schusswechseln und massiver Einschüchterung. Regierungsnahe Milizen patrouillieren landesweit, Opposition finde faktisch nicht statt. Die Bevölkerung fürchte eine Verschärfung der Repression – nicht die erhoffte Befreiung.

Auch die Rolle der USA bewertet Six deutlich nüchterner als viele Kommentatoren. Zwar sei die Operation militärisch „chirurgisch“ verlaufen, doch ohne Unterstützung aus dem venezolanischen Sicherheitsapparat wäre sie unmöglich gewesen. Ein echter Neuanfang sei dennoch illusorisch, solange dieselben Macht- und Wirtschaftsstrukturen bestehen bleiben. Neuwahlen unter diesen Bedingungen seien kaum mehr als ein politisches Feigenblatt.

Besonders schonungslos analysiert Six den angeblichen Gegensatz zwischen Sozialismus und Großkapital. In Venezuela, so seine These, diene der Sozialismus vor allem der Kontrolle und Verarmung der Bevölkerung – während Oligarchen und internationale Konzerne ungestört Geschäfte machten. Billiglöhne, Abhängigkeit von staatlichen Lebensmittelpaketen und politische Erpressung seien Teil des Systems.

Warum ein Land mit solchen Reichtümern verarmen konnte, erklärt Six auch historisch. Seit der Unabhängigkeit sei die Macht in den Händen weniger Familien geblieben. Eine kurze Phase relativen Wohlstands habe es unter dem rechten Diktator Marcos Pérez Jiménez gegeben, der auf industrielle Wertschöpfung setzte. Dieser Weg sei später aufgegeben worden – Venezuela wurde wieder zum reinen Rohstofflieferanten degradiert.

Billy Six weiß, wovon er spricht. Er lebte jahrelang in Venezuela, recherchierte vor Ort und saß vier Monate im politischen Gefängnis. Seine Erfahrungen machen deutlich: Wer glaubt, mit dem Abtransport eines Präsidenten sei das Problem gelöst, verkennt die Realität dieses Landes grundlegend.

👉 Das komplette Gespräch im Video zeigt, warum Venezuela kein Einzelfall ist – sondern ein Lehrstück darüber, wie Macht, Ideologie und Hochfinanz zusammenwirken.

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