In der neuen Mehrarbeit-Debatte kommt jetzt der nächste Vorschlag aus der Arbeitgeber-Ecke: weniger Urlaub, dafür mehr „Wirtschaftsbelebung“. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), bringt offen ins Spiel, einen Urlaubstag zu streichen – alternativ könne man auch an der Tages- und Wochenarbeitszeit „rangehen“, berichtet der SPIEGEL.

Damit knüpft Brossardt an die alte Nummer an: Schon im vergangenen Jahr wollten Vertreter aus dem Umfeld einen Feiertag kippen, um angeblich Wachstum zu erzeugen. Das lief ins Leere – also wird jetzt am Urlaub geschraubt. Als Begründung verweist Brossardt auch auf Markus Söder (CSU), der zuletzt eine zusätzliche Stunde Arbeit pro Woche ins Schaufenster stellte. Söders Botschaft: Eine Stunde mehr pro Woche würde „enorm viel Wirtschaftswachstum“ bringen und sei „nicht zu viel verlangt“.

Brossardt liefert gleich noch eine Wachstumsrechnung hinterher: Allein der Effekt, dass 2026 drei Feiertage auf ein Wochenende fallen, bringe 0,2 Prozentpunkte zusätzliches Wachstum. Klingt nach Kaffeesatz – und ist obendrein politisch kaum so simpel umzusetzen, wie die Arbeitgeber es gern hätten.

Denn anders als beim Streichen eines gesetzlichen Feiertags hängt ein Urlaubstag weniger oder eine zusätzliche Wochenstunde nicht einfach an einem Regierungsbeschluss. Urlaubsdauer und Arbeitszeit sind in vielen Branchen tariflich geregelt. Heißt: Wer das ändern will, muss es mit Gewerkschaften und Tarifparteien aushandeln. Dass die Arbeitnehmerseite da begeistert „ja“ sagt, darf bezweifelt werden.

Im Gegenteil: Der Deutsche Gewerkschaftsbund in Bayern forderte erst im Herbst, dass Feiertage, die aufs Wochenende fallen, nachgeholt werden sollen – also genau in die andere Richtung. Und auch aus der Forschung kommt Gegenwind: Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hält die volkswirtschaftliche Wirkung einzelner zusätzlicher Arbeitstage für überbewertet. In einer Analyse wird darauf verwiesen, dass sich Bundesländer teils besser entwickelten, obwohl sie Feiertage beibehielten oder sogar neue einführten. Die simple Gleichung „weniger Feiertage = mehr Wachstum“ gehe demnach nicht auf. Auch die Abschaffung des Buß- und Bettags 1995 habe laut DGB „keinen nennenswerten Effekt“ auf die Wirtschaft gehabt.

Nebenbei zeigt der Blick auf die Landkarte, wie politisch aufgeladen das Thema ist: Bayern und Baden-Württemberg haben ohnehin die meisten Feiertage. Und Augsburg – ausgerechnet der Ort, in dem das Interview erschien – hat sogar noch einen zusätzlichen Feiertag im Vergleich zum restlichen Bayern.

Zur Teilzeit-Debatte äußerte sich Brossardt etwas vorsichtiger: Wer Kinder erzieht oder Angehörige pflegt, habe einen guten Grund für Teilzeit – das stelle er nicht infrage. Einen „Anspruch auf Teilzeit“ lehne er aber ab, das solle zwischen Unternehmen und Beschäftigten ausgehandelt werden.

Unterm Strich bleibt: Wenn die Konjunktur schwächelt, sollen die Leute offenbar wieder „einfach mehr geben“ – notfalls mit weniger Urlaub. Dass Arbeit nicht automatisch produktiver wird, nur weil man mehr Stunden oder Tage hineinpresst, wird bei solchen Vorstößen gern ausgeblendet.

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