In seiner ersten großen außenpolitischen Rede am 9. Januar 2025 vermeidet Leo XIV. bewusst jeden Ländernamen – und trifft doch mit chirurgischer Präzision genau jene Haltung, die seit 2022/23 die deutsche Debatte dominiert.
Er sagt nicht „Deutschland“ oder „NATO“, sondern spricht von Staaten, „die sich auf Demokratie und Menschenrechte gründen“, in denen dennoch „Krieg wieder in Mode gekommen“ sei. Er kritisiert eine „Diplomatie der Stärke“ durch „einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten“ statt echten Multilateralismus – eine sehr exakte Umschreibung der „Koalition der Willigen“-Rhetorik.
Am schärfsten wird er, wenn er feststellt, der Friede werde heute „nicht mehr als Geschenk … sondern mit Waffen als Voraussetzung für die Durchsetzung der eigenen Herrschaft“ gesucht. Das ist die eleganteste vatikanische Formulierung für „Russland darf nicht siegen dürfen“ bzw. „Siegfrieden durch Rüstung und Taurus“.
Er brandmarkt eine „neue orwellsche Sprache“, die unter dem Deckmantel der Inklusion und moralischen Überlegenheit Andersdenkende ausschließt – womit jeder politisch Aufmerksame sofort an „Haltung zeigen“, Cancel Culture in Außenpolitik-Medien und die schnelle Diffamierung von Kriegsgegnern als Putin-Versteher denkt.
Besonders brisant: die Warnung, dass selbst in westlichen Demokratien die Gewissensfreiheit zunehmend in Frage gestellt werde – ein direkter Seitenhieb auf die Debatten um Befehlsverweigerung, pazifistische Soldaten, „Haltungspflicht“ in der Bundeswehr und den Druck auf Ärzte/Beamte, die sich nicht der offiziellen Linie fügen.
Philosophisch rahmt er alles augustinish: der Hochmut, der die Wirklichkeit verzerrt, die Selbstreferentialität von Rechten, die ihre Bindung an objektive Wahrheit verlieren – all das liest sich wie eine höfliche, aber vernichtende Abrechnung mit der „wertebasierten Außenpolitik“, die Frieden durch militärische Überlegenheit und semantischen Moral-Hochmut sucht.
Der Papst spricht universal, doch für ein deutsches Ohr 2026 klingt die Botschaft glasklar:
Hört auf, den Frieden durch immer mehr Waffen und immer strengere ideologische Sprachregelungen erzwingen zu wollen. Das ist nicht Verteidigung von Werten – das ist augustinischer Hochmut, der den Weg zum wahren Frieden eher verbaut.
Volltext der Ansprache (deutsch):



Schreibe einen Kommentar