Die Bundesregierung weiß nicht, wie viele antisemitische Straftaten es im deutschen Sport tatsächlich gibt. In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen räumt sie ein, dass entsprechende Delikte zwar in der Statistik zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) erfasst werden, aber nicht gesondert ausgewiesen werden können – weil es dafür schlicht keine eigene Kategorie gibt, wie aus der Bundestagsdrucksache 21/4213 hervorgeht.

Konkret bedeutet das: Antisemitische Vorfälle im Sport – egal ob im Amateurverein, im Fitnessstudio oder auf dem Fußballplatz – verschwinden im großen PMK-Topf. Eine „trennscharfe Darstellung“ sei nicht möglich, da es keine bundesweit definierte Begrifflichkeit gebe, die im Meldesystem des Bundeskriminalamts recherchierbar wäre. Eine automatisierte Auswertung? Fehlanzeige.

Währenddessen dokumentierte der Bundesverband RIAS im Jahr 2024 insgesamt 8.627 antisemitische Vorfälle in Deutschland – ein Anstieg um 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch Sportkontexte werden dabei erfasst. Doch die Bundesregierung betont, dass die RIAS-Zahlen nicht mit der PMK-Statistik vergleichbar seien, da dort auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsschwelle einfließen. Ein Abgleich der Zahlen sei daher „nicht sachgerecht“.

Gleichzeitig fließen erhebliche Mittel in Präventionsprojekte. Allein 2024 erhielt MAKKABI Deutschland für verschiedene Projekte mehrere hunderttausend Euro Bundesmittel. Hinzu kommen Programme wie „Actions Matter – Antisemitismus im Sport“ oder das „Bundesprogramm gegen Extremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport“, das seit 2023 läuft. Auch kleinere Fanprojekte, Ausstellungen und Bildungsreisen wurden gefördert – teils mit Beträgen im vier- bis fünfstelligen Bereich.

Beim Thema rechtsextreme Kampfsportstrukturen verweist die Bundesregierung darauf, dass offen beworbene Veranstaltungen in Deutschland aufgrund früherer Verbote nicht mehr stattfinden. Stattdessen sei eine Verlagerung ins Ausland zu beobachten. Zu Details will man sich mit Verweis auf das Staatswohl nicht äußern.

Im E-Sport wiederum hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben keine über öffentlich zugängliche Informationen hinausgehenden Erkenntnisse zu antisemitischen Vorfällen. Auch bei internationalen Kooperationen mit Organisationen wie FIFA oder IOC gebe es bislang keine konkreten gemeinsamen Maßnahmen gegen Antisemitismus im Sport.

Unterm Strich bleibt: Milliarden für Sportförderung, Hunderttausende für Projekte gegen Antisemitismus – aber keine eigene statistische Erfassung antisemitischer Straftaten im Sport. Wer genau wissen will, wie groß das Problem in Vereinen und auf Sportplätzen ist, bekommt von der Bundesregierung derzeit keine belastbaren Zahlen.

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