Pünktlich zu Wirtschaftskrise, Aufrüstungsdebatten und gesellschaftlichem Dauerstress taucht sie wieder auf: eine neue Corona-Variante, die angeblich unter dem Radar flog – und nun doch alle besorgen soll. BA.3.2, liebevoll „Cicada“ getauft, macht seit einigen Tagen die Medienrunde, wie etliche Medien berichten. Wer sich noch an 2020 erinnert, kennt das Drehbuch auswendig.

Die Variante wurde bereits im November 2024 in Südafrika entdeckt – also vor über einem Jahr. Damals: kein Aufschrei, keine Schlagzeilen, keine Sondersendungen. Jetzt, im Frühjahr 2026, entdecken Redaktionen plötzlich Handlungsbedarf. Was hat sich verändert? Die Datenlage? Kaum. Dafür aber das politische Klima: Haushaltskrise, NATO-Aufrüstung, wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Gut, dass da eine neue Ablenkung ins Haus flattert.

Was die Zahlen wirklich sagen

In Deutschland macht BA.3.2 laut Robert-Koch-Institut gerade rund fünf Prozent der nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infektionen aus. In den USA liegt der Anteil bei unter einem Prozent der sequenzierten Fälle. Selbst in Dänemark und den Niederlanden, wo die Variante vergleichsweise stark verbreitet ist, handelt es sich um eine unter vielen zirkulierenden Atemwegserkrankungen. Schwere Verläufe? Erhöhte Todesfallzahlen? Fehlanzeige. Selbst die zitierten Experten räumen ein, dass es „keine Hinweise auf schwerere Krankheitsverläufe“ gebe. Symptome: Husten, Halsschmerzen, Schnupfen – also das, was im Winter und Frühjahr jedes Jahr hunderttausende Menschen flachlegt, nur eben mit anderem Namen.

Trotzdem wird die Zahl von „70 bis 75 Mutationen im Spike-Protein“ medial so präsentiert, als stünde der nächste Lockdown bevor. Dass Viren ständig mutieren und das keine Nachricht ist, bleibt in der Berichterstattung naturgemäß unterbelichtet. Stattdessen: Expertenzitate mit eingebautem Konjunktiv – „könnten“, „möglicherweise“, „ist denkbar“ – die Ungewissheit zur Schlagzeile machen.

Das Impf-Narrativ lebt

Besonders auffällig: Trotz aller Relativierungen schafft es der Artikel, das Impfthema prominent zu platzieren. Die Botschaft, fein verpackt zwischen wissenschaftlichem Disclaimer und Expertenmeinung: Die aktuellen Impfstoffe könnten bei dieser Variante weniger wirksam sein – aber impfen solle man sich trotzdem. Ein Zirkelargument, das man kennt. Wann immer eine Variante auftaucht, die die Immunantwort verändert, lautet die Schlussfolgerung nicht „die Impfstrategie überdenken“, sondern „weiter impfen“. Kritische Nachfragen zu dieser Logik sucht man im Artikel vergeblich.

Dass die WHO die Variante bereits in über 20 Ländern registriert hat, ist als nüchterner Datenpunkt legitim. Als Aufhänger für eine mediale Welle, die Angst vor einer neuen Pandemie schürt, ist es Stimmungsmache – mehr nicht. Solange keine belastbaren Daten zu Hospitalisierungen und Todesfällen vorliegen, die über saisonale Normalwerte hinausgehen, bleibt „Cicada“ das, was sie epidemiologisch ist: eine Variante unter vielen. Die Frage, warum sie ausgerechnet jetzt zur Schlagzeile wird, beantwortet die Artikel nicht. Vielleicht, weil die Antwort unbequem wäre.

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