Mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsentscheider will Zusammenarbeit mit der AfD – das klingt nach einem Dammbruch. 56 Prozent der befragten Vorstände, Geschäftsführer und Unternehmer sprechen sich laut einer Allensbach-Umfrage für die FAZ und Capital für eine Einbindung der Partei aus, 49 Prozent davon immerhin für punktuelle Kooperation, sieben Prozent sogar für ein festes Bündnis, wie t-online und andere Medien berichten. Was dabei gern ausgeblendet wird: Zusammenarbeit ist keine Einbahnstraße. Wer die AfD an den Tisch holt, muss damit rechnen, dass sie auch mitessen will – und zwar kräftig.
Denn die Partei steht vor einem Problem, das sie sich selbst eingebrockt hat. Regierungsfähigkeit bedeutet Kompromiss. Kompromiss bedeutet Gesichtsverlust bei der eigenen Klientel. Und genau da dürfte es hinter den Kulissen der AfD bereits gewaltig rumoren.
Die Forderungen der Wirtschaft sind bekannt: weniger Bürokratie, niedrigere Energiepreise, Fachkräfte-Migration, EU-Binnenmarkt. Ausgerechnet bei letzteren Punkten hat die AfD ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wer jahrelang „Deutschland zuerst“ und EU-Austritt propagiert, kann nicht über Nacht zum verlässlichen Partner für exportabhängige Konzerne werden – zumindest nicht ohne interne Erdbeben.
Der Flügel in der Partei, der jeden Schritt Richtung Mitte als Verrat wertet, schläft nicht. Schon die zarten Annäherungsversuche an Wirtschaftsvertreter der vergangenen Monate haben intern für Spannungen gesorgt. Weidel laviert: Nach außen gibt sie die staatstragende Kanzlerkandidatin, nach innen muss sie verhindern, dass ihr die Radikalen die Basis wegziehen.
Dass gleichzeitig 42 Prozent der befragten Wirtschaftsbosse weiterhin strikte Ablehnung fordern, zeigt: Der Konsens ist brüchig. Die Mehrheit für Zusammenarbeit ist keine überwältigende – sie ist eine knappe, nervöse. Und sie könnte schnell kippen, sollte die AfD zeigen, was Regierungsbeteiligung bei ihr wirklich bedeutet: Postenschacher, ideologische Bedingungen, Loyalitätsprüfungen.
Die Unzufriedenheit mit Merz und der großen Koalition treibt die Wirtschaft in diese Überlegungen – nicht echte Begeisterung für die AfD. 69 Prozent sind mit der schwarz-roten Koalition unzufrieden, 53 Prozent enttäuscht von Merz persönlich. Das ist kein Vertrauensvotum für Weidel & Co., das ist Verzweiflung.
Und in dieser Gemengelage tobt das eigentliche Drama noch im Verborgenen: Wie weit kann und will sich die AfD anpassen, ohne sich selbst zu zerlegen? Jede Konzession an wirtschaftsliberale Positionen ist eine Kampfansage an den nationalistischen Hardliner-Flügel. Jede Zusammenarbeit mit dem „System“, gegen das man jahrelang gewettert hat, muss begründet werden – und zwar vor einer Basis, die Begründungen als Schwäche liest.
Die Wirtschaftsbosse wollen die AfD salonfähig machen. Die AfD will regieren. Aber zwischen Wollen und Können liegt ein Haufen ungelöster Widersprüche – und der Preis dafür wird nicht nur die Partei zahlen.




Antworte auf den Kommentar von Dr.Faustus hat beschlossen und verkündet 👈 Antwort abbrechen