Wenn das Denken ausgelagert wird: Jeder Zehnte kann ohne KI nicht mehr arbeiten

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Stillstehender Büroarbeitsplatz nach Ausfall eines zentralen KI-Systems
Symbolbild, KI-generierte redaktionelle Illustration

Jeder zehnte Beschäftigte in Deutschland könnte seine Arbeit ohne künstliche Intelligenz angeblich nicht mehr ausführen. Weitere 19 Prozent erklären, ohne KI nicht genügend Zeit für ihre täglichen Aufgaben zu haben. Was als Beleg für technischen Fortschritt verkauft wird, ist vor allem ein Warnsignal: Unternehmen machen sich in erschreckendem Tempo von Systemen abhängig, die sie weder selbst entwickeln noch vollständig kontrollieren.

Die Zahlen stammen aus dem aktuellen „Expleo AI Pulse“. Für die monatliche Untersuchung werden jeweils 200 Führungskräfte in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Irland befragt. Die Ergebnisse sind deshalb kein repräsentatives Abbild sämtlicher Arbeitnehmer. Befragt wurden zudem ausschließlich Personen aus ausgewählten Branchen wie IT, Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Handel, Ingenieurwesen sowie Transport und Logistik. Dennoch zeigt die Untersuchung eine gefährliche Entwicklung.

Zehn Prozent der deutschen Befragten geben an, ihre Tätigkeit ohne KI-Werkzeuge überhaupt nicht mehr ausführen zu können. In Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitern liegt dieser Anteil sogar bei elf Prozent. Nur zwölf Prozent sagen, ein Wegfall der Technik würde für ihre Arbeit keinen Unterschied machen.

Besonders stark ist die Abhängigkeit in den Führungsetagen. 31 Prozent der befragten Gesellschafter erklären, ihre Arbeit wäre ohne KI deutlich komplizierter. Von den Führungskräften auf höchster Ebene meinen lediglich acht Prozent, dass ein Ausfall der Systeme folgenlos bliebe. Damit wird ausgerechnet dort immer mehr Denken an Maschinen ausgelagert, wo strategische Entscheidungen vorbereitet und Verantwortung übernommen werden müsste.

Expleo beschreibt KI inzwischen als Teil der betrieblichen Infrastruktur. Diese Formulierung trifft den Kern – allerdings anders, als es die Technologiebranche gerne darstellt. Ein Werkzeug unterstützt den Menschen. Eine Infrastruktur, ohne die der Betrieb stillsteht, beherrscht ihn.

Wer Texte, Analysen, Recherchen, Planungen und Entscheidungen dauerhaft automatisieren lässt, spart zunächst Zeit. Gleichzeitig gehen Fähigkeiten verloren. Beschäftigte verlernen, Aufgaben selbstständig zu erledigen, Quellen zu prüfen, Zusammenhänge zu durchdringen oder Lösungen ohne maschinelle Vorgaben zu entwickeln. Bleibt das System aus, fehlen nicht nur einige Funktionen. Es fehlt zunehmend das Wissen, das früher im Unternehmen selbst vorhanden war.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Abhängigkeit von wenigen internationalen Anbietern. Sie bestimmen Preise, technische Bedingungen, Filterregeln und den Zugang zu den Modellen. Sie können Funktionen verändern, Konten sperren oder Dienste einstellen. Unternehmen laden zugleich interne Informationen, Geschäftsgeheimnisse und Entscheidungsgrundlagen in Systeme, deren Arbeitsweise häufig nicht nachvollziehbar ist.

Auch die Gefahr schleichender Fehlentscheidungen wächst. KI liefert Antworten schnell, selbstbewusst und sprachlich überzeugend. Richtig müssen sie deshalb noch lange nicht sein. Wenn Beschäftigte die Ergebnisse mangels eigener Erfahrung nicht mehr kontrollieren können, wird aus einer technischen Hilfe eine automatische Autorität.

Deutschland erreicht beim Expleo-Index 67 Punkte und nutzt KI nach Angaben der Studie konsequenter als die untersuchten Nachbarländer. Das mag nach technischem Fortschritt klingen. Tatsächlich könnte es bedeuten, dass deutsche Unternehmen ihre Handlungsfähigkeit besonders schnell an fremde Systeme abgeben.

KI kann ein nützliches Werkzeug sein. Doch wenn jeder zehnte Befragte ohne sie angeblich nicht mehr arbeiten kann, ist die Grenze zwischen Unterstützung und Abhängigkeit bereits überschritten. Der nächste große Ausfall, eine drastische Preiserhöhung oder eine politische Einschränkung des Zugangs wird zeigen, wie viel eigene Kompetenz noch übrig ist.

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