Türkei plant totales Rauchverbot – Urlaubern drohen horrende Strafen

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Die Türkei legt Rauchern die Daumenschrauben an. Ein neuer Gesetzentwurf der Regierungspartei AKP, erarbeitet gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium, sieht vor, das Rauchen an nahezu allen öffentlichen Orten zu verbieten – Strände, Spielplätze, Gotteshäuser, Krankenhäuser, Schulen, Außenbereiche der Gastronomie. Ab dem 1. Januar 2040 kommt dann das Totalverbot: kein Verkauf, keine Herstellung, kein Import – und wer eine vergessene Schachtel im Koffer hat, zahlt ebenfalls drauf. Das berichtet die Augsburger Allgemeine unter Berufung auf die türkische Zeitung Hürriyet, der der Gesetzentwurf vorliegt.

Das trifft ein Land mit einem der höchsten Raucheranteile weltweit. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi gibt es in der Türkei derzeit zwischen 18 und 19 Millionen Raucher. Prof. Dr. Bektaş Murat Yalçın, Leiter des Lehrstuhls für Familienmedizin an der Ondokuz Mayıs Universität, bringt es auf den Punkt: Im Durchschnitt rauche jeder zweite türkische Mann, und jede vierte Frau über 18. Zahlen, die den Ehrgeiz des Gesetzes erst einordnen lassen.

Die Bußgelder sind keine Symbolpolitik. Wer heute am Strand mit einer Zigarette erwischt wird, zahlt umgerechnet rund 25 Euro. Nach dem neuen Entwurf drohen für Verstöße in verbotenen Zonen 5.000 Türkische Lira – knapp 100 Euro. Für den Handel wird es existenzbedrohend: Strafen von einer bis zu zehn Millionen Lira (knapp 20.000 bis fast 200.000 Euro), Lizenzentzug und Betriebsschließungen stehen im Papier. Wer Tabak an Minderjährige verkauft, riskiert sechs Monate bis ein Jahr Gefängnis. Und damit der Staat weiß, wer was kauft: Bargeldzahlungen für Tabakprodukte sollen komplett abgeschafft werden – jede Transaktion wird elektronisch erfasst.

Auch für Touristen wird es ernst. Besitz, Erwerb und Einfuhr von Tabakprodukten sollen strafbar werden. Der Gesetzentwurf sieht laut Hürriyet Verwaltungsstrafen von 50.000 bis 250.000 Lira vor – umgerechnet bis zu knapp 5.000 Euro. Wer also mit einer Stange Zigaretten im Gepäck landet, könnte teuer zur Kasse gebeten werden.

Besonders pikant: Der Begriff „Tabakprodukt“ wird im neuen Gesetz vollständig neu definiert. Künftig fällt darunter alles, was organisches oder synthetisches Nikotin enthält – klassische Zigaretten, E-Zigaretten, Vapes, Tabakerhitzer und ausdrücklich auch Wasserpfeifen und E-Shishas. Das ist keine Kleinigkeit. Denn die Nargile ist in der Türkei kein Randphänomen, sie ist Kulturgut. Die Kaffeehäuser, in denen sich Freunde stundenlang zum Rauchen, Teetrinken und Backgammon treffen, sind fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens – von Istanbul bis Antalya. Bereits seit 2009 gilt formal ein Verbot der Wasserpfeife in Innenräumen, wie der ADAC dokumentiert hat. In der Praxis wurde es weitgehend ignoriert.

Und genau das ist das strukturelle Problem für Erdoğans Verbotspolitik: Die Türken rauchen. Viel und gerne. Und sie lassen sich ungern reinreden. Das bereits seit 2009 geltende Rauchverbot in Innenräumen wird flächendeckend missachtet. Eine Studie der Türkischen Gesellschaft für Thoraxchirurgie ergab, dass 66 Prozent der untersuchten Bars dagegen verstoßen. Die gängige Praxis ist bekannt: Aschenbecher vor der Kontrolle wegräumen, danach wieder aufstellen. Restaurantbetreiber zahlen lieber die Strafe, als auf ihre Stammkunden zu verzichten. Laut einem Bericht der Online-Publikation Sözcü, auf die sich die European Times beruft, nutzen viele Betriebe zudem eine Gesetzeslücke bei Restaurants mit einziehbaren Dächern, die formal als Außenbereich gelten.

Erdoğan selbst kämpft seit Jahren lautstark gegen das „Tabakmonster“, wie er es nennt – 85.000 Türken verliere das Land jährlich daran. Sein Engagement ist so persönlich, dass er am Rande eines Gipfels in Ägypten der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nach einem Kompliment gleich die Aufforderung hinterherschickte, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Der Widerstand in der eigenen Bevölkerung ist trotzdem real. Die Reaktionen auf frühere Verschärfungen reichten von offenem Spott bis zu stillem Weiterpaffen. Eine Türkin, die gegenüber der NZZ Auskunft gab, brachte die verbreitete Haltung auf eine kurze Formel: „Rauchverbote funktionieren in der Türkei nicht. Wir wollen rauchen.“

Während in Deutschland die Shisha-Bars boomen, meist unter dem Deckmantel nikotinfreier Kräutermischungen oder mit anderen Konstrukten, die formal am Nichtraucherschutzgesetz vorbeigehen, macht die Türkei dagegen Ernst: Nargile-Cafés sollen bereits jetzt einem Mindestabstand von 200 Metern zu Schulen unterliegen, und ab 2040 hört die Wasserpfeife rechtlich komplett auf zu existieren. Für die gut vier Millionen Deutschen, die jährlich in die Türkei reisen, bedeutet das: Wer am Strand zur Zigarette greift oder im Café die Nargile bestellt, spielt künftig Lotterie mit dem eigenen Geldbeutel. Durchgesetzt werden soll das durch speziell eingesetzte Tabakkontrollteams der lokalen Verwaltungsbehörden – die Zuständigkeit wird dafür laut dem türkischen Originalentwurf von den Gemeinden auf Valis und Kaymakams, also staatliche Distriktbehörden, übertragen.

Die Türkei orientiert sich dabei erklärtermaßen an der EU. Ende 2024 hatte die EU-Kommission das Ziel einer „tabakfreien Generation“ bis 2040 ausgegeben – weniger als fünf Prozent Raucher in der Bevölkerung. Als EU-Beitrittskandidatin seit Jahrzehnten im Wartezimmer signalisiert Ankara damit Konformitätswillen nach Brüssel – auch wenn die Mitgliedschaft selbst seit Jahrzehnten im Nirgendwo hängt. Die Gleichschaltung mit europäischen Gesundheitszielen funktioniert offenbar besser als die Aufnahme selbst.

Quellen:

  1. Augsburger Allgemeine
  2. Hürriyet (türkisches Original)
  3. Echo24
  4. Neue Zürcher Zeitung
  5. European Times
Quelle des Wissens quelle-des-wissens.de
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