Was sich der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) als Wertegemeinschaft auf die Fahnen schreibt, kollidiert frontal mit den Ergebnissen einer neuen Aufarbeitungsstudie: Seit 1973 sind mindestens 344 Kinder und Jugendliche im Verantwortungsbereich des Verbandes Opfer sexualisierter Gewalt geworden, wie verschiedene aber stets gleich lautende Medienberichte von heute zeigen. Die Untersuchung zeichnet ein Bild tiefgreifenden institutionellen Versagens über Jahrzehnte hinweg.
Die Zahlen lassen keinen Interpretationsspielraum. Rund 60 Prozent der Betroffenen waren Mädchen, knapp 40 Prozent Jungen, ein kleiner Anteil diverse Personen. Zwei Drittel der Opfer waren beim Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahre alt. In über einem Drittel der Fälle kam es zu schwerer sexualisierter Gewalt mit Eindringen in den Körper. Mehr als die Hälfte der Taten ereignete sich bei Pfadfinderlagern oder Fahrten – also genau dort, wo Schutz, Gemeinschaft und Vertrauen erwartet werden.
Auch die Täterstruktur ist brisant. Mindestens 161 Personen werden als Täter oder Beschuldigte geführt. Fast die Hälfte von ihnen war zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 24 Jahre alt. Gewalt ging damit nicht von außen aus, sondern entstand innerhalb der eigenen Strukturen. Besonders alarmierend: Rund die Hälfte aller bekannten Taten geschah nach dem Jahr 2000, zu einem Zeitpunkt, als Missbrauchsskandale in Kirche und Jugendverbänden längst bekannt waren.
Die Studie basiert auf 79 qualitativen Interviews mit Betroffenen sowie der Auswertung von rund 1.300 Seiten interner Akten zu etwa 100 Verdachtsfällen. Untersucht wurde der Zeitraum von der Gründung des VCP im Jahr 1973 bis 2024. Der Verband zählt heute etwa 47.000 Mitglieder und bezeichnet sich selbst als christlicher Jugendverband – die dokumentierte Realität steht dazu in scharfem Kontrast.
Die Untersuchung macht deutlich, wie über Jahre hinweg Schutzmechanismen versagten, Verantwortung nicht übernommen wurde und Betroffene allein gelassen blieben. Sie legt offen, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem, dessen Folgen hunderte Kinder und Jugendliche bis heute tragen.



Schreibe einen Kommentar