Russland verschärft den Druck auf Telegram – und es wird immer offensichtlicher, worum es dabei wirklich geht. Wie zahlreiche Medien vermelden, drosselt Moskau gezielt die Geschwindigkeit des Messengers und positioniert parallel eine staatlich geförderte Alternative. Offiziell spricht die Aufsichtsbehörde von Gesetzesverstößen, unzureichender Betrugsbekämpfung und datenschutzrechtlichen Fragen. Doch die politische Stoßrichtung ist kaum zu übersehen: Wer sich der staatlichen Kontrolle entzieht, wird ausgebremst.

Telegram ist einer der wichtigsten Kommunikationskanäle im Land. Millionen Russen nutzen den Dienst nicht nur privat, sondern auch zur Information, Organisation und politischen Debatte. Genau das scheint dem Kreml zunehmend ein Dorn im Auge zu sein. Während Telegram technisch gedrosselt wird, rückt eine „heimische“ Lösung in den Vordergrund: der staatlich unterstützte Messenger MAX, der auf neuen Geräten vorinstalliert wird und eng mit staatlichen Diensten verknüpft ist. Kritiker warnen, dass hier weniger Innovation als vielmehr Überwachung im Mittelpunkt steht.

Telegram-Gründer Pavel Durov reagierte deutlich. In öffentlichen Stellungnahmen machte er klar, dass es aus seiner Sicht nicht um Sicherheitsfragen geht, sondern um Kontrolle. Russland versuche, die Bürger von einer unabhängigen Plattform wegzulenken und sie in ein staatlich kontrolliertes System zu drängen. Telegram stehe hingegen für Privatsphäre und Meinungsfreiheit – Prinzipien, die man nicht dem politischen Druck opfern werde. Durov betont seit Jahren, dass Telegram keinen generellen Zugriff auf private Nutzerdaten gewährt und sich auch unter staatlichem Druck nicht instrumentalisieren lassen wolle.

Dass es zwischen Durov und den russischen Behörden seit Langem knirscht, ist kein Geheimnis. Schon als Gründer des sozialen Netzwerks VKontakte geriet er mit staatlichen Stellen aneinander, weil er sich weigerte, Oppositionsgruppen zu sperren oder Nutzerdaten herauszugeben. 2014 verließ er Russland und ging ins Exil, nachdem der Druck auf ihn massiv zugenommen hatte. Später folgte 2018 der Versuch, Telegram landesweit zu blockieren, weil das Unternehmen keine Verschlüsselungsschlüssel übergeben wollte. Die Maßnahme scheiterte weitgehend und wurde wieder aufgehoben – der politische Konflikt blieb.

Nun setzt Moskau offenbar auf eine andere Strategie: kein vollständiges Verbot, sondern gezielte Behinderung, kombiniert mit dem Aufbau einer staatstreuen Alternative. Das Signal ist klar – digitale Infrastruktur soll kontrollierbar sein. Was als technische Regulierung verkauft wird, ist in Wahrheit ein politischer Machtkampf um Informationshoheit. Einmal mehr zeigt sich, dass man im Kreml gerne den Westen wegen immer mehr Einschränkungen der Meinungsfreiheit kritisiert, selbst aber zu ähnlichen Mitteln greift. Unvergessen auch, dass das deutsche „NetzDG“ von Moskau 1:1 übernommen worden ist.

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