Ein einziges Produktfoto genügt, wenige Minuten später präsentiert ein täuschend echtes KI-Model das Kleidungsstück in gewünschter Pose, Körperform und Umgebung. Was Modehäuser als Effizienzsprung feiern, bedroht eine ganze Produktionskette: Models, Fotografen, Stylisten, Visagisten, Assistenten und klassische Fotostudios werden für immer mehr Aufnahmen schlicht nicht mehr gebraucht.
Das Handelsblatt beschreibt die Entwicklung am Beispiel des Onlinehändlers Otto. Dessen „Virtual Content Creator“ erzeugt auf Knopfdruck fotorealistische Modebilder. Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Körperform und Pose des virtuellen Models lassen sich auswählen, das gewünschte Kleidungsstück wird digital zugeordnet.
Otto selbst spricht unmissverständlich davon, klassische Modelfotografie durch KI-generierte Inhalte zu ersetzen. Nach Unternehmensangaben können damit fünfmal mehr Inhalte pro Tag entstehen. Die Produktionskosten sollen um bis zu 60 Prozent sinken, neue Kollektionen lassen sich innerhalb weniger Stunden in den Shop bringen.
Die Rechnung ist für große Händler verführerisch: kein Studio buchen, keine Anreise organisieren, keine Models casten, keine langen Shootings, keine aufwendigen Wiederholungen. Aus einem realen Produktbild entstehen beliebig viele Varianten für Onlineshop, Werbung und soziale Netzwerke. Perspektivisch soll auch KI-gestützte Videoproduktion folgen.
Otto ist damit nicht allein. Mango setzte bereits KI-generierte Models und Kleidungsdarstellungen in Kampagnen ein. Anbieter für Mode-KI werben inzwischen offen damit, aus flachen Produktaufnahmen vollständige Modelbilder zu erzeugen – ohne Studio, ohne Set und ohne klassische Produktionskosten. Selbst mit Canon und Panasonic verbundene Fonds investierten 2026 in ein Unternehmen, das aus einfachen Produktfotos automatisiert Bilder und Videos bekleideter virtueller Models erstellt.
Die Konzerne sprechen von Skalierung, Vielfalt und kürzeren Produktionszeiten. Für die Kreativen hinter einer Modeproduktion heißt dieselbe Entwicklung jedoch: Ein erheblicher Teil ihrer Aufträge kann verschwinden. Wahrscheinlich wird hochwertige Kampagnenfotografie nicht vollständig aussterben. Doch die Masse der standardisierten Katalog- und Shopbilder ist genau jene Arbeit, von der Studios und freie Fachkräfte regelmäßig leben.
Hinzu kommt ein Problem für Kunden: Ein KI-Bild kann makellos aussehen, ohne exakt zu zeigen, wie Stoff, Schnitt und Passform am wirklichen Körper wirken. Je stärker Händler Kleidung, Model und Umgebung künstlich zusammensetzen, desto wichtiger wird eine eindeutige Kennzeichnung. Sonst verkauft der Onlineshop keine dokumentierte Produktansicht mehr, sondern eine optimierte Computersimulation.
Die KI macht das Modefoto billiger, schneller und unbegrenzt reproduzierbar. Bezahlt wird diese Effizienz möglicherweise mit Arbeitsplätzen, handwerklicher Erfahrung und einem weiteren Stück sichtbarer Wirklichkeit. Was heute noch als Ergänzung präsentiert wird, kann morgen zum neuen Standard werden – und dann bleiben in vielen Fotostudios nicht die Kameras, sondern nur die Lichter aus.



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