Was in China heute als Social-Scoring-System international kritisiert wird, ist für eine ganze Generation längst Alltag – nur unter einem anderen Namen. Seit Jahrzehnten trainieren Computerspiele Millionen Menschen darauf, sich beobachtet, bewertet und konditioniert zu verhalten. Belohnt wird, wer sich regelkonform verhält. Bestraft wird, wer aus der Reihe tanzt. Genau dieses Prinzip gilt inzwischen als Blaupause für zahlreiche dystopische Zukunftsmodelle – und wurde im Kinder- und Jugendzimmer bereits ausgiebig erprobt.
Das Grundprinzip moderner Games ist immer gleich: Jede Handlung wird registriert, ausgewertet und mit Punkten, Levels, Fähigkeiten oder Zugang zu neuen Inhalten belohnt. Wer das „richtige“ Verhalten zeigt, steigt auf. Wer abweicht, verliert. Rollenspiele, Action-Games, Rennspiele – sie alle funktionieren nach diesem Muster. Der Spieler lernt früh: Anpassung lohnt sich, Abweichung kostet.
Besonders deutlich wird das in Spielen wie Red Dead Redemption. Wer sich gesetzestreu verhält, profitiert von besseren Interaktionen, Rabatten, Respekt. Wer zum Outlaw wird, verliert Ansehen, Möglichkeiten und Status. Moral wird nicht diskutiert, sondern verrechnet. Das System urteilt – automatisch, emotionslos, unumkehrbar. Genau das, was man heute bei staatlichen Bewertungssystemen als unheimlich empfindet, gilt hier als „immersives Gameplay“.
Diese Logik zieht sich durch zahllose Titel: Erfahrungspunkte ersetzen soziale Anerkennung, Skill-Trees stehen für gesellschaftliche Aufstiegschancen, Level-Downs simulieren sozialen Abstieg. Der Spieler passt sich an, optimiert sein Verhalten, vermeidet Sanktionen. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor Verlust. Wer oft genug erlebt hat, dass falsches Verhalten sofort Konsequenzen hat, internalisiert diese Regeln – ganz ohne staatliche Vorschriften.
Die Gamer-Generation ist damit die erste, die flächendeckend gelernt hat, in permanenten Bewertungssystemen zu leben. Permanente Überwachung? Normal. Verhaltensanpassung? Notwendig. Belohnung für Konformität? Selbstverständlich. Ausschluss bei Regelverstoß? Logisch. Die düsteren Zukunftsvisionen aus Filmen und Romanen wirken deshalb weniger fremd – sie fühlen sich vertraut an. Wie ein bekanntes Interface mit neuen Namen.
Was als Unterhaltung begann, wurde zur Trainingssimulation für eine digital gesteuerte Gesellschaft. Punktesysteme statt Argumente, Algorithmen statt Gerechtigkeit, Fortschritt nur bei Wohlverhalten. Das dystopische Morgen wurde nicht aufgezwungen – es wurde erspielt. 



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