Google will in Kalifornien und Florida bis zu 64 Millionen mit Wolbachia-Bakterien versehene Mücken freisetzen. Was in einem millionenfach verbreiteten X-Beitrag von Matt Wallace wie ein bereits beschlossener Freilandversuch klingt, ist tatsächlich ein laufendes Genehmigungsverfahren. Erschreckend bleibt die Dimension: Ein Technologiekonzern beantragt bei der US-Umweltbehörde EPA ein Experiment, das Millionen Menschen in zwei Bundesstaaten unmittelbar betrifft.
Nach der Veröffentlichung im US-Bundesregister sollen in den Jahren 2027 und 2028 in Kalifornien und Florida jeweils bis zu 16 Millionen männliche Mücken pro Jahr ausgesetzt werden. Allein daraus ergeben sich 64 Millionen Tiere. Hinzu kommen in einem weiteren Teil des Antrags geplante Freisetzungen in New Jersey.
Die Tiere gehören zur Art Aedes albopictus, der Asiatischen Tigermücke, und tragen den natürlich vorkommenden Bakterienstamm Wolbachia pipientis wPip. Laut Antrag sollen ausschließlich Männchen freigesetzt werden. Sie stechen nicht. Paaren sie sich mit wild lebenden Weibchen, sollen deren Eier wegen der biologischen Unverträglichkeit nicht schlüpfen. Google will auf diese Weise die örtliche Mückenpopulation unterdrücken und Wirksamkeitsdaten sammeln.
Das Verfahren ist also weder die Freisetzung krankheitsübertragender Stechmücken noch ein heimlicher Startschuss. Die EPA erklärte am 27. Mai ausdrücklich, dass derzeit keine entsprechende Freisetzung in den USA genehmigt sei. Die Behörde hatte die beantragte Versuchsgenehmigung wegen ihrer möglichen regionalen und nationalen Bedeutung öffentlich zur Kommentierung gestellt. Eine spätere Erteilung müsste im Bundesregister bekannt gemacht werden.
Damit ist die Sache jedoch nicht harmlos. Ein Versuch dieser Größenordnung verlagert eine technologische Schädlingskontrolle aus abgeschlossenen Laboren in offene Ökosysteme. Die entscheidenden Fragen lauten, wie zuverlässig die Geschlechtertrennung funktioniert, welche Folgen eine dauerhafte Unterdrückung der Zielpopulation für Nahrungsketten hat und wie unerwartete Effekte nach einer millionenfachen Freisetzung überhaupt zurückgeholt werden sollen.
Google verweist auf sein „Debug“-Programm und auf Erfahrungen in Singapur. Dort seien nach Angaben des Projekts die Bestände einer anderen Mückenart um 80 bis 90 Prozent und Dengue-Fälle nach sechs bis zwölf Monaten um mehr als 70 Prozent zurückgegangen. Das ist ein starkes Argument für die Methode. Es ersetzt aber keine unabhängige Prüfung des konkreten Antrags, der verwendeten Art, der örtlichen Ökosysteme und der technischen Kontrollmechanismen.
Besonders brisant ist, wer hier zum Akteur öffentlicher Gesundheitspolitik wird. Google verfügt längst nicht mehr nur über Suchmaschinen, Smartphones und Nutzerdaten, sondern entwickelt nun auch Systeme für Eingriffe in biologische Populationen. Ob die Methode medizinisch nützen kann, ist nur eine Hälfte der Debatte. Die andere lautet: Soll ein privater Daten- und Technologiekonzern ein Freilandexperiment dieser Größenordnung betreiben dürfen, und wie unabhängig kann dessen Erfolg anschließend kontrolliert werden?
64 Millionen Mücken sind keine Randnotiz und kein gewöhnlicher Produkttest. Die EPA darf den Antrag nicht aufgrund großer Versprechen durchwinken. Vor einer Genehmigung braucht es öffentlich einsehbare Risikodaten, unabhängige Kontrolle, klare Abbruchkriterien und eine ehrliche Antwort darauf, wer haftet, wenn das Experiment anders verläuft als geplant.



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