Die Telekom plant die Abschaltung von DSL – und plötzlich steht einer der größten Verteilungskämpfe der Branche im Rampenlicht, berichtet Heise.de in einem Video. Rund 24 Millionen Haushalte surfen noch über das alte Kupfernetz, doch dessen Tage sind gezählt. Offiziell geht es um Effizienz und Modernisierung. Inoffiziell geht es um Macht, Milliarden und die Frage, wer in Deutschland künftig die digitale Grundversorgung kontrolliert.

Während die Telekom das alleinige Recht besitzt, die Abschaltung ihres Kupfernetzes zu beantragen, warnen Stadtwerke und regionale Glasfaseranbieter vor einem massiven Missbrauchspotenzial. In Gebieten, in denen der Konzern selbst Glasfaser verlegt hat, könnte er das Kupfernetz schnell kappen – ein strategischer Faustschlag, der Kunden direkt ins hauseigene Netz drängt. Wo hingegen die Konkurrenz Glasfaser gebaut hat, könnte die Telekom DSL weiter am Leben halten, um alternative Anbieter auszubremsen. Ein doppelter Vorteil für den Bonner Riesen, ein doppelter Nachteil für Verbraucher und Wettbewerb.

Die Glasfaserzahlen klingen beeindruckend, doch nur auf dem Papier. Zwar verfügen laut Breko-Analyse 52,8 Prozent der Haushalte inzwischen über einen Glasfaseranschluss, genutzt wird er aber kaum. DSL ist billiger und verfügbar – warum also wechseln? Genau dieses Problem treibt die Branche um. Ohne Abschaltung gibt es keinen wirtschaftlichen Zwang zur Migration, ohne Migration refinanzieren sich Milliardeninvestitionen nicht. Ein perfektes Umfeld für Lobbyarbeit, juristische Winkelzüge und politische Einflussnahme.

Die Telekom argumentiert, ihr Netz sei längst „glasfaserbasiert“, weil der Großteil der Infrastruktur bis zu den grauen Kästen an der Straße bereits ausgetauscht wurde. Nur die berühmte „letzte Meile“ laufe noch über Kupfer. Eine Abschaltung sei volkswirtschaftlich unsinnig, kapitalvernichtend und regulatorisch unfair – schließlich müsse die Telekom ihre Infrastruktur für Wettbewerber öffnen, umgekehrt aber nicht. Gleichzeitig attackiert man TV-Kabelanbieter wie Vodafone und bezeichnet deren Netze als überholt, energiehungrig und ein klimapolitisches Desaster.

Die Gegenposition kommt vor allem vom Bundesverband Breitbandkommunikation. Dessen Mitglieder stemmen 59 Prozent des Glasfaserausbaus in der Fläche, 70 Prozent der angeschlossenen Gebäude und sogar 74 Prozent der aktiven Anschlüsse. Und genau diese Unternehmen warnen: Wenn die Telekom weiter allein über die Abschaltung entscheidet, wird der Wettbewerb systematisch ausgebremst. Sie fordern ein Initiativrecht für alle Anbieter und ein Gleichbehandlungsmodell – die Telekom darf ihr Kupfer nur dort abschalten, wo sie es auch in Konkurrenzgebieten tut.

Parallel melden sich Wohnungswirtschaft und Industrie zu Wort. Sie warnen vor höheren Preisen, vor überforderten Mietern, vor fehlender Planungssicherheit. Unternehmen beklagen fehlende Glasfaser in Gewerbegebieten, während kritische Systeme wie Aufzugsnotrufe oder Alarmanlagen noch immer über die alte Technik laufen. Ein übereilter Cut könnte mehr Schaden verursachen, als man heute ahnt.

Für die Verbraucher bedeutet das alles vorerst: keine Panik. Es gibt keinen Stichtag, keine bundesweite Aktion, keine Abschaltung über Nacht. Regionen werden einzeln migriert, frühestens ab 2026. Wer betroffen ist, soll mindestens ein Jahr vorher informiert werden. Ein bloßer Technologiewechsel rechtfertigt kein Sonderkündigungsrecht – aber steigende Preise sehr wohl. Und steigende Preise sind genau das, was viele Bürger heute fürchten: Glasfaser kostet oft 10 bis 20 Euro mehr im Monat. Ob die Anbieter nach der Abschaltung wirklich DSL-ähnliche Preise anbieten, steht in den Sternen.

Hinter der scheinbar technischen Frage, wann ein Kupferkabel vom Netz geht, steckt eine grundlegende Weichenstellung für Deutschlands digitale Zukunft. Die Telekom will bestimmen, wann ihr Netz verschwindet. Die Konkurrenz fordert Regulierung, um fairen Wettbewerb überhaupt möglich zu machen. Am Ende bleibt der Verdacht: Auch im Glasfaserzeitalter entscheidet nicht die beste Technik, sondern die stärkste Lobby.