In Berlin spielt sich ein Skandal ab, der in einer funktionierenden Demokratie eigentlich undenkbar sein sollte. Die Bibliothek des Konservatismus (BDK) steht vor dem digitalen Aus. Davon handelt die Video-Reportage der JUNGEN FREIHEIT „Digitale Bücherverbrennung? | Wie der Staat eine konservative Bibliothek drangsaliert“.

Die BDK ist keine Hinterzimmer-Sammlung von ein paar verstaubten Broschüren, sondern die nach eigenen Angaben größte konservative Forschungsbibliothek Europas. Rund 35.000 Titel lagern dort, darunter etwa 3.500 Werke, die es nur an diesem Ort gibt. Seltene Ausgaben, private Nachlässe, konservative Klassiker aus über 200 Jahren – ein Wissensarchiv, das man in anderen Bibliotheken vergeblich sucht. Genau dieser Bestand soll nun aus dem digitalen Raum verschwinden.

Der Auslöser: Der Gemeinsame Bibliotheksverbund der norddeutschen Länder (GBV), eine öffentlich-rechtliche Einrichtung in der Landesverwaltung Niedersachsens, hat der BDK überraschend die Mitgliedschaft zum Jahresende gekündigt – ohne jede Begründung. Kein sachliches Argument, keine fachliche Kritik, keine transparente Entscheidung. Einfach raus. Der Leiter der Bibliothek, Wolfgang Fenske, spricht offen von Cancel Culture – und das ist noch vorsichtig formuliert.

Wer nicht im Verbund ist, existiert in der wissenschaftlichen Welt praktisch nicht mehr. Die Katalogdaten der BDK liegen beim GBV. Wird die Verbindung gekappt, sind die Bestände im Verbundkatalog nicht mehr auffindbar, digitale Recherchen laufen ins Leere, der eigene Lesesaal-Katalog hängt ebenfalls am System. Eine Forschungsbibliothek ohne Katalog ist wie ein Archiv ohne Türen: physisch vorhanden, praktisch unbenutzbar. Genau das droht der BDK zum 31.12. – von einem Tag auf den anderen.

Die Dimension des Vorgangs lässt aufhorchen. Fenske weist darauf hin, dass es nach seiner Kenntnis das erste Mal ist, dass eine Bibliothek aus einem Bibliotheksverbund ausgeschlossen wird. Normalerweise haben diese Verbünde den Ehrgeiz, möglichst viele Medien und Buchtitel abzubilden. Wer eine Spezialbibliothek mit einzigartigen Beständen rauskegelt, schadet also nicht nur der betroffenen Einrichtung, sondern schwächt auch das gesamte Verbundsystem. Das macht den Vorgang politisch umso brisanter.

Juristisch prallen zwei Welten aufeinander: Der Verbund gibt sich als harmloser Dienstleister und spricht von einem zivilrechtlichen Vertragsverhältnis. Die BDK und ihre Anwälte verweisen dagegen auf den Charakter des GBV als öffentlich-rechtliche Einrichtung mit hoheitlichen Aufgaben – und damit auf verwaltungsrechtliche Spielregeln, die Willkürverbote und Gleichbehandlungsgrundsätze einschließen. Aus weltanschaulich-politischen Gründen eine einzelne Bibliothek auszuschließen, wäre in diesem Rahmen ein handfester Skandal.

Noch schwerer wiegt, dass der GBV bislang offensichtlich nicht einmal bereit ist, den Grund für die Kündigung offenzulegen – weder gegenüber der Bibliothek, noch gegenüber den Anwälten oder dem Gericht. In einer transparenten, rechtsstaatlichen Verwaltung wäre das das Minimum: eine nachvollziehbare, überprüfbare Begründung. Stattdessen herrscht Schweigen. Wer so agiert, hat offenbar selbst ein Problem mit der eigenen Argumentation.

Während Qualitätsmedien wie Welt und NZZ den Fall immerhin aufgegriffen haben, herrscht ausgerechnet in der bibliothekarischen Fachwelt weitgehend Funkstille. Fenske hätte sich offene Solidarität und Einspruch aus der „Zunft“ gewünscht. Doch offenbar ist der Mut, sich vor eine konservative Bibliothek zu stellen, in vielen Häusern nicht besonders ausgeprägt. Man weiß, was der Zeitgeist verlangt, und hält lieber den Kopf unten.

Für die BDK geht es derweil ums nackte Überleben. Ein Wechsel in einen anderen Verbund oder ein komplett eigener Katalog würden nach Schätzungen der Gegenseite mindestens 30.000 Euro kosten. Für eine Bibliothek, die ausschließlich von Spenden und Förderern getragen wird, ist das eine Summe, die ohne Unterstützung von außen kaum zu stemmen ist. Wenn keine Lösung gefunden wird, droht diesem Projekt „vom Aus“, wie Fenske nüchtern sagt – mitsamt all den Unikaten, die dann faktisch unsichtbar würden.

Genau hier wird deutlich, worum es im Kern geht: Nicht um ein paar Regalmeter Bücher, sondern um ein ganzes Stück geistiges Erbe. Wer konservative Ideengeschichte aus den Katalogen tilgt, sorgt dafür, dass künftige Generationen sie gar nicht mehr finden können – weder Studenten, noch Forscher, noch interessierte Bürger. Es ist die subtile Variante der Bücherverbrennung: Man muss nichts mehr ins Feuer werfen, wenn man es digital verschwinden lassen kann.

In der aktuellen Lage bleibt der BDK nur der Appell an Öffentlichkeit und Unterstützer. Spenden, Druck auf die Verantwortlichen, politische und mediale Aufmerksamkeit – ohne diesen Rückhalt ist die Bibliothek dem stillen Verwaltungsakt ausgeliefert. Wer verhindern will, dass konservatives Denken in Deutschland erst katalogtechnisch und später historisch entsorgt wird, kann hier konkret ansetzen. Denn wenn diese Bibliothek fällt, ist das nicht nur ein Angriff auf einen Verein in Berlin, sondern ein Signal an alle, die außerhalb des linken Mainstreams Wissen sammeln, ordnen und zugänglich machen: Ihr seid nicht erwünscht.

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