Jan Hus, einer der großen Reformatoren Europas, wurde am 6. Juli 1415 in Konstanz öffentlich verbrannt. Er hatte kirchliche Missstände angeprangert, die ein Jahrhundert später ganz Europa erschüttern sollten. Der Überlieferung nach sah Hus noch, wie eine alte Frau ein Holzscheit zum Scheiterhaufen trug. „O sancta simplicitas“, soll er ausgerufen haben. O heilige Einfalt.
Heute wird niemand mehr wegen einer unbequemen Meinung auf dem Marktplatz verbrannt. Man begnügt sich damit, seinen Ruf, seinen Beruf und möglichst auch sein Bankkonto anzuzünden. Die heilige Einfalt tritt auf in modernem Kleide.
Der Verdacht genügte vollkommen
Wer im Jahr 1654 sagte, was ihm seine Augen und sein gesunder Menschenverstand verrieten, konnte als Ketzer, Gotteslästerer oder Freund der Hexerei gelten.
Eine Anschuldigung konnte genügen. Ein einflussreicher Nachbar behauptete, verdächtige Worte gehört zu haben. Ein Geistlicher erkannte in einer Bemerkung den falschen Glauben. Schon begann sich das Rad der Verfolgung zu drehen. Nicht immer entschieden Beweise. Häufig entschied das gesellschaftliche Gewicht des Anklägers. Wer oben stand, besaß nicht nur die besseren Karten. Ihm gehörte oft das ganze Kartenspiel. Wer heute Facebook besitzt, besitzt noch größere Macht.
Der Beschuldigte sollte beweisen, dass er keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte. Das war schwierig.
Der gesunde Menschenverstand wurde gefährlich
Die meisten Menschen wollten keine Ordnung stürzen. Sie sagten lediglich, was sie für richtig hielten. Sie beobachteten ihre Umgebung und zogen daraus eigene Schlüsse. Genau darin lag die Gefahr. Wer selbst dachte, benötigte keinen Vormund. Wer seinen Augen traute, konnte an vorgeschriebenen Wahrheiten zweifeln.
Früher galt der gesunde Menschenverstand als Voraussetzung für ein selbständiges Leben. Heute gilt er mancherorts bereits als Anfangsverdacht. Der Bürger will nicht provozieren. Er beschreibt, was er erlebt hat. Erst die Hüter der erlaubten Meinung erklären daraus einen Angriff auf die Ordnung.
Der Mensch will lediglich darauf hinweisen, dass der Kaiser keine Kleider trägt. Die Hofgesellschaft erkannte darin bereits einen Umsturzversuch. Und tut es auch heute.
Die Aufklärung sollte damit Schluss machen
Die Aufklärung war eine der größten Errungenschaften Europas. Nicht länger sollten Rang, Gerücht und Empörung über Schuld und Unschuld entscheiden. Beweise sollten zählen. Jeder Mensch sollte vor dem Gesetz gleich sein. Gedanken sollten frei bleiben.
Damit wurde der Obrigkeit das Recht genommen, jede unbequeme Beobachtung zur Ketzerei zu erklären. Der Ratsherr durfte nicht länger automatisch recht haben.
Doch die Aufklärung ist kein Möbelstück, das man einmal kauft und anschließend für immer besitzt. Sie muss täglich neu verteidigt werden. Besonders dann, wenn eine Meinung unangenehm klingt.
Heute singen wir auf Demonstrationen: „Die Gedanken sind frei.“ Manche würden nur gern vorher festlegen, welche Gedanken damit gemeint sind.
Der neue Pranger besitzt Internetanschluss
Heute wird niemand mehr auf den Marktplatz gezerrt. Das wäre zu auffällig und vermutlich genehmigungspflichtig. Stattdessen wird ein Satz aus einem Gespräch herausgeschnitten. Ein altes Foto taucht auf. Eine Bekanntschaft wird zur Schuld erklärt. Danach beginnt bereits das öffentliche Verfahren ohne Justiz.
Am Vormittag erscheint der Vorwurf. Mittags verlangt die empörte Menge die Entlassung. Am Nachmittag sagt der Veranstalter ab. Am Abend darf der Betroffene erklären, wie es wirklich gewesen ist. Die Antwort interessiert dann kaum noch jemanden. Der Vorwurf reiste mit der Geschwindigkeit des Internets. Die Richtigstellung folgt zu Fuß.
Früher hieß es Ketzerei, Gotteslästerung oder Umgang mit verdächtigen Personen. Heute stehen andere Wörter bereit. Das Verfahren aber bleibt vertraut. Nicht die Aussage soll widerlegt werden. Der Mensch soll verschwinden.
Der moderne Scheiterhaufen wird selbstverständlich nach Vorschrift errichtet. Für das Brennholz liegen sämtliche Genehmigungen vor.
Die alte Frau von Konstanz hat jetzt eine Maus
Am erschreckendsten ist nicht die Macht der Ankläger. Es ist der Eifer jener Menschen, die bereitwillig das Brennmaterial herbeitragen. Die alte Frau von Konstanz glaubte vermutlich, ein gutes Werk zu tun, als sie ihr Holzscheit auf den Scheiterhaufen warf. Sie prüfte nicht, ob Jan Hus recht haben könnte. Sie vertraute dem Urteil der Mächtigen und half bei dessen Vollstreckung.
Heute trägt die alte Frau kein Holz mehr über den Marktplatz. Sie sitzt vor einem Bildschirm und besitzt eine Maus.
Ein Klick genügt, um ein Gerücht weiterzugeben. Ein weiterer verbreitet eine Anschuldigung. Danach folgt der empörte Kommentar, die Forderung nach Entlassung und vorsorglich noch die Anschrift des Arbeitgebers. Ob die Behauptung wahr ist, wird später geprüft. Falls überhaupt. Zunächst muss das Feuer brennen.
Die alte Frau von Konstanz ist heute die Menge derer, die ungeprüfte Vorwürfe weiterreichen, weil sie sich dabei auf der richtigen Seite wähnen. Jeder bringt nur ein kleines digitales Holzscheit. Am Ende steht dennoch ein Mensch in Flammen.
Der mittelalterliche Mensch verbrannte den Ketzer und nannte es Gottesfurcht. Der moderne Mensch vernichtet den Andersdenkenden und nennt es Haltung.
Die lodernden Scheiterhaufen wurden abgeschafft. Die alte Frau von Konstanz aber lebt weiter. Ihre Holzscheite verteilt sie heute per Mausklick.
Dokumentierte Fälle finden sich unter https://cancelculture.de



Schreibe einen Kommentar