Roger Köppel zerlegt auf dem AfD-Demokratiekongress den deutschen Konsensbetrieb. Der Schweizer Verleger der Weltwoche redet über Meinungsfreiheit, aber eigentlich hält er Deutschland den Spiegel vor.
Der Schweizer Moment der Deutschen
Roger Köppel betritt die Bühne nicht als höflicher Gastredner, der ein paar Alpenblumen für das deutsche Publikum mitgebracht hat. Er kommt als publizistischer Grenzgänger, als Schweizer mit geschärftem Taschenmesser im Kopf. Seine Rede vom 27. Juni ist eine politische Muntermacherdusche für ein Land, das sich lange für den Mittelpunkt der Vernunft hielt und nun merkt, dass die eigenen Gewissheiten bröckeln.
Köppel beschreibt diesen Augenblick als deutschen Schweizer Moment. Früher war die Sache scheinbar einfach. Europa war gut, Amerika war verlässlich, die transatlantische Bindung stand wie Beton im Regierungsviertel. Heute wirkt vieles weniger fest. Die EU ist keine sichere Bank mehr. In Washington sitzt erst ein Präsident,, der die deutsche Außenpolitik nervös macht. Plötzlich steht Deutschland wieder vor sich selbst und allein im Regen.
Zimmerpflanze mit Presseausweis
Der beste Köppel steckt dort, wo er die deutsche Konsensfrömmigkeit reizt. Wenn alle A sagen, sagt er B. Nicht aus Trotz, sondern aus Berufsehre. Ein Publizist, der immer mitnickt, ist kein Publizist. Demokratie ist keine Wärmestube rund ums Jahr.
Für Köppel ist Demokratie nicht der Chor der „Anständigen“, der sich täglich gegenseitig bestätigt. Demokratie ist Streit. Sie ist organisierter Dissens. Im Schweizer Fall nennt er sie sogar eine wohlorganisierte Anarchie. Genau da wird es für deutsche Ohren interessant. Hierzulande wird der demokratische Konsens oft wie Weihwasser verspritzt. Wer ausschert, steht schnell unter Verdacht. Wer andere Zeitungen liest, andere Fragen stellt oder auf der falschen Konferenz sitzt, bekommt moralische Zollkontrolle.
Gegensteuern statt Betroffenheitsnebel
Köppel redet nicht wie ein Mann, der um Erlaubnis bittet. Er fordert ein Gegensteuern. Er fordert die andere Sicht, er fordert eine Diskussion ohne Tabu-Käfig. Gerade in unruhigen Zeiten sei Meinungsfreiheit kein Luxus für Schönwetterdemokraten, sondern die Überlebensausrüstung einer freien Gesellschaft.
Das ist der Punkt, an dem die Rede mehr wird als eine nette Ansprache. Köppel spricht über Deutschland und er trifft den Nerv vieler Bürger. Sie erleben jeden Tag, wie aus Meinung schnell Verdacht wird, wie aus Zweifel angeblich Gefahr entsteht. Wie aus Debatte eine Art pädagogischer Betreuung wird. Die einen reden von Haltung. Die anderen hätten lieber wieder Argumente.
Der Dreck wird zum Schutzpanzer
Am stärksten ist Köppel, wenn er ins Bildhafte geht. Wer mit Dreck beworfen werde, solle ihn nicht hektisch wegwischen. Man solle ihn eintrocknen lassen. Dann werde daraus ein Schutzpanzer. Das ist keine Rhetorik aus dem Seminarraum. Das ist Boulevard mit Hirn. Jeder versteht es sofort, und jeder merkt sich das Bild.
Genau deshalb lohnt sich das Video. Köppel liefert keine sterile Rede, sondern zwanzig Minuten publizistischen Klartext mit Schweizer Präzision und freundlicher Respektlosigkeit. Er spricht über Redefreiheit, aber eigentlich zeigt er, wie man sie benutzt. Er ist höflich, aber nicht zahm. Er ist scharf, aber nicht schrill. Und er erinnert die Deutschen daran, dass ein Land nicht dadurch erwachsen wird, dass alle dasselbe sagen.
Das Video gibt es hier:




Schreibe einen Kommentar