Irgendwoher müssen sie schließlich gekommen sein. Eine Landung von Ufos wurde nicht beobachtet. Auch ein Einsickern über die Oder erscheint ausgeschlossen. In Polen wächst diese Gattung Mensch offenbar nicht. Bleibt nur eine Erklärung: Die Antifa wird bereits im Kindergarten herangezogen.
Nackt und unschuldig geboren
Angeboren kann der schwarz vermummte Antifaschismus kaum sein. Schließlich kommen wir alle unbekleidet zur Welt. Kein Säugling trägt Sturmhaube. Kein Neugeborenes verlangt die Abschaffung der Polizei. Selbst der erste Schrei richtet sich gewöhnlich nur gegen Hunger und kalte Füße.
Bleibt jene Erklärung, die heute beinahe jedes Rätsel löst: Der Antifaschismus ist ein soziales Konstrukt. Um nach seinen Ursprüngen zu forschen, genügt ein Blick über den Zaun des Kindergartens „Schwarze Murmel“ in Berlin-Neukölln.
Dort wechseln die Erziehungsberechtigten nach Dienstplan. Frauke kommt morgens, Chantal übernimmt nach dem Mittagessen und Sozialpädagoge Malte springt ein, wenn irgendwo männliche Haltung gebraucht wird. Ihre politische Einflussnahme schlägt sich unbemerkt im Verhalten der Kinder nieder. Die Kleinen merken gar nicht, wie sie sich langsam in winzige Gesinnungswächter verwandeln.
Der Faschismus des Stuhlkreises
Um neun Uhr beginnt die tägliche Unterdrückung. Alle Kinder müssen im Stuhlkreis sitzen. Wer zuerst auf einem Stuhl Platz nimmt, sichert ihn nicht etwa durch Leistung, sondern durch frühkindliche Besitzergreifung. Die übrigen Kinder werden an den Rand gedrängt.
Frauke schlägt die Klangschale an. Damit beginnt die Gleichschaltung. Alle sollen gemeinsam singen, gleichzeitig zuhören und sich sogar melden, bevor sie sprechen. Für die fünfjährige Mia ist der Fall eindeutig: Hier herrscht pädagogischer Faschismus.
Auch die Garderobe trägt Züge eines Unterdrückungsapparates. Jedes Kind erhält einen festen Haken. Freie Platzwahl findet nicht statt. Besonders schlimm trifft es Finn-Luca. Sein Haken befindet sich neben dem Heizkörper. Die institutionelle Erwärmung seines Anoraks wird von den anderen als ungerechtfertigtes Wärmeprivileg angeprangert.
Müller-Milch macht rechts
Sven-Simon brachte eine Flasche Müller-Milch mit Bananengeschmack mit. Chantal mit Nasenring erklärt, das sei irgendwie nicht okay. Was dabei problematisch ist, versteht niemand. Es klingt jedoch so ernst, dass Mia sofort eine Sondersitzung hinter dem Puppenhaus einberuft.
Sven-Simon gilt fortan als rechts. Keines der Kinder weiß, was rechts eigentlich bedeutet. Das spielt keine Rolle. Rechts ist, wer rechts genannt wird. Damit haben die Vorschüler bereits eine wichtige Grundlage des späteren politischen Lebens begriffen.
Sven-Simon darf seine Milch noch austrinken. Allerdings allein am Katzentisch. Die anderen Kinder beobachten ihn dabei mit jener strengen Anteilnahme, die früher nur dem Kind galt, das sich beim Mittagsschlaf in die Hose gemacht hatte.
Am nächsten Morgen bringt er Kakao einer anderen Marke mit. Das wird als billiger Versuch gewertet, seine Gesinnung zu verschleiern.
Holzspielzeug gehört allen
Da es nicht genügend Holzspielzeug gibt, entfacht sich Intrige um Intrige. Offiziell gehört alles dem kommunalen Träger. Tatsächlich besitzt es jenes Kind, das am lautesten „meins“ ruft.
Mia gründet deshalb mit Ben und zwei weiteren Vorschülern die Antifaschistische Bauklotz-Aktion. Ihr Ziel ist die gerechte Verteilung des Holzspielzeugs. Zu diesem Zweck wird es vollständig beschlagnahmt und hinter dem Puppenhaus versteckt. Zugriff haben fortan nur Mitglieder der Bewegung.
Wer einen roten Holzklotz verlangt, muss seine Haltung nachweisen. Paul fällt bei der Gesinnungsprüfung durch. Er hatte Erzieherin Frauke am Vortag beim Austeilen der Gummibärchen geholfen. Damit gilt er als Handlanger des Systems und darf nur noch mit Plastik spielen.
Auch Sven-Simon bleibt ausgeschlossen. Zwar hat er sich öffentlich von der Bananenmilch distanziert. Eine glaubhafte Aufarbeitung seiner Vergangenheit steht jedoch noch aus.
Mit Fingerfarbe gegen rechts
Bald herrscht im Kindergarten ein Klima wachsamer Fürsorge. Wer die falsche hellblaue Farbe benutzt, wird aus dem Malbereich ausgeschlossen. Wer beim Mittagessen einen Nachschlag erhält, muss ihn mit der Gruppe teilen. Die Führungsgruppe ist davon ausgenommen. Ihre Mitglieder benötigen zusätzliche Nahrung für den antifaschistischen Kampf.
Auch die Dreiräder werden neu verteilt. Mia bekommt das schnellste Modell, da sie als Sprecherin häufig zu wichtigen Besprechungen hinter den Geräteschuppen fahren muss. Ben übernimmt die Aufsicht über den Sandkasten.
Als Paul dort eine Burg baut, wird er zur Rede gestellt. Burgen stehen für Grenzen, Eigentum und überlieferte Herrschaft. Paul weigert sich dennoch, sein Bauwerk freiwillig einzuebnen. Daraufhin stürmen die Befreier die Burg und kippen ihm einen Eimer Sand über den Kopf.
Die Kinder erkennen nicht, dass sie längst zu kleinen Faschisten geworden sind. Besonders deutlich zeigt sich das daran, dass sie Spielzeug beschlagnahmen, Abweichler ausgrenzen und Andersdenkende bestrafen. Weil sie sich dabei Antifaschisten nennen, halten sie jede Gemeinheit für eine gute Tat.
Die ersten Vermummten
Beim Sommerfest erscheinen Mia und Ben mit schwarzen karierten Tüchern vor dem Gesicht. Frauke fragt nach dem Grund. Beide erklären, sie müssten ihre Identität vor dem faschistischen Erziehungsapparat schützen.
Erzieherin Frauke lobt ihre politische Reife. Zum Abschied erhält jedes Kind eine kleine Tüte mit Gummibärchen. Die Antifaschistische Bauklotz-Aktion beschlagnahmt sofort sämtliche Süßigkeiten. Achtzig Prozent bekommt die Führung als Aufwandsentschädigung. Der Rest wird gerecht unter den Kindern verteilt, die sich rechtzeitig der Bewegung angeschlossen haben.
Paul bekommt nichts. Sven-Simon ebenfalls nicht. Beide dürfen aber zusehen. Auch das gehört zur frühkindlichen Demokratiebildung.
So verlassen im August vier bestens vorbereitete Antifaschisten den Kindergarten. Schreiben können sie noch nicht. Doch sie wissen bereits, wie man andere in der Grundschule zum Schweigen bringen kann. So fing alles an. 1984.



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