5.100 Hitzetote? Im Zweifel war’s das Wetter

Deutschland hat ein neues Sommerwunder: Kaum steigt die Durchschnittstemperatur ein wenig, wächst die Zahl der Hitzetoten. Das Robert-Koch-Institut meldet 5.120 Opfer bis Ende Juni. Nicht anhand von Totenscheinen, nicht anhand eindeutiger Diagnosen, sondern mithilfe eines statistischen Modells.

Das ist praktisch. Denn wenn die Todesursache nicht eindeutig feststeht, kann man sie nachträglich passend zur politischen Wetterlage berechnen. Wer bei 21,1 Grad Wochenmitteltemperatur stirbt, ist dann möglicherweise nicht einfach alt, krank oder vom Leben erschöpft gewesen. Nein, er war ein Opfer der Hitze.

Das RKI erklärt selbst, dass Hitze nur selten als konkrete Todesursache auf dem Totenschein steht. In den meisten Fällen gehe es um eine Mischung aus Vorerkrankungen und hohen Temperaturen. Also wird verglichen: Wie viele Menschen sterben normalerweise bei kühleren Wochen, wie viele bei wärmeren? Die Differenz bekommt anschließend das Etikett „hitzebedingt“.

So entsteht eine neue amtliche Wirklichkeit. Der Mann, der im Juni einen Herzinfarkt bekommt, hatte vermutlich zu warm. Die Frau mit schwerer Vorerkrankung, die im Pflegeheim stirbt, wird statistisch zur Klimawellen-Toten. Und wer sich bei 30 Grad das Bein bricht und später an einer Lungenentzündung stirbt, ist vermutlich auch nicht völlig aus dem Rennen. Irgendwo wird sich schon ein Temperaturbezug finden lassen.

Das Verfahren ist nicht falsch, weil Hitze niemals gesundheitliche Folgen hätte. Natürlich können hohe Temperaturen gefährlich sein, vor allem für alte und vorerkrankte Menschen. Das RKI weist aber selbst auf erhebliche Unsicherheiten hin. In der ersten veröffentlichten Schätzung lag das Intervall für 810 Fälle zwischen 240 und 1.390. Das ist keine gemessene Opferzahl, sondern eine Modellrechnung mit großer Spannbreite. Das RKI schreibt ausdrücklich, dass die Zahl nicht eindeutig von normalen Schwankungen abgegrenzt werden kann.

In den Schlagzeilen bleibt davon wenig übrig. Aus einer statistischen Schätzung werden 5.100 Tote. Aus einem Modell wird eine scheinbar exakte Bilanz. Und aus jedem zusätzlichen Sterbefall lässt sich anschließend eine neue Forderung ableiten: mehr Warn-Apps, mehr Hitzeschutzpläne, mehr Behörden, mehr Kampagnen und natürlich noch mehr Geld für die zuständigen Experten.

Der Sommer wird damit zum perfekten politischen Rohstoff. Jede heiße Woche liefert neue Opferzahlen, jede Abweichung vom Durchschnitt neue Alarmmeldungen. Wenn die Zahlen nicht passen, wird eben weitergerechnet. Hauptsache, am Ende steht eine Zahl, die groß genug ist, um Angst zu erzeugen.

Vielleicht sollte man künftig auf jedem Totenschein ein zusätzliches Kästchen einführen: „Möglicherweise warm“. Dann wäre die Statistik wenigstens ehrlich. Bis dahin gilt: Wer im Sommer stirbt, ist statistisch verdächtig, ein Hitzetoter zu sein.

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